Magazin

Interviews

7 Fragen an

Vincent Clasen

Lieber Vincent,


deine Kunst wird als Malerei kategorisiert, in der Produktion deiner Werke setzt du unterschiedlichste Materialien ein. Damit erschaffst du plastisch wirkende Oberflächenstrukturen oder gestaltest intensive Farbkontraste, die kompositorisch wie „gebrochene Symmetrien“ wirken. (Der Begriff stammt aus Musikwissenschaft bzw. den Naturwissenschaften und bezeichnet die Unterbrechung bzw. Varianz einer Art von Wiederholung. In der Physik gilt die gebrochene Symmetrie als Ursache für den Ursprung allen Lebens. Es ist die scheinbare Ungeordnetheit, die eine Ordnung der Natur verbirgt.)

Auch graphische und digitale Techniken gehören zu deinem künstlerischen Repertoire. Deine Werke erscheinen oftmals collagenartig oder sogar skulptural. Gattungsgrenzen werden darin verwischt und der Blick der Betrachter:innen im positiven Sinne herausgefordert.

Auf Art Apart bist du mit dem Werk „0.12“ vertreten, einer „modernen“ Mixed-Media-Malerei, klassisch auf Leinwand gearbeitet. Dieses Gemälde wirkt wie eine gemalte Collage, nicht zuletzt durch den komplexen Produktionsprozess, und erhält vor allem durch die ungrundierte Leinwand einen sehr plastischen Ausdruck. Medien und Malgrund wirken aufeinander ein und erzeugen je nach Blickwinkel der Betrachter:innen Bewegung, Tiefe, sogar Reflexion. Besonders die Farbkomposition verleiht der Malerei gleichzeitig Tiefe und Plastizität, so dass eine Art Spannungsfeld von räumlicher Nähe und flächenhafter Distanz entsteht.


Dazu meine 1. Frage:
1. Wie wichtig ist bei dir der Produktionsprozess, der aufgrund der Verwendung vielfältigster Materialien und Arbeitsmedien sehr komplex erscheint?
Der Produktionsprozess ist existenziell. Ich verwende die ausgewählten Materialien entsprechend ihrer technischen Eigenschafte und gehe dabei immer nach einem Plan vor: wenn ich eine gewisse Wirkung erzielen möchte, benutze ich dafür das entsprechende Material.

Material ist für mich eine technische Frage – welches Material kann ausdrücken, was ich ausdrücken?

Ich spiele mit Materialien, probiere sie aus...da ist immer sehr viel Experiment im Spiel und Selbstversuch. Es ist auch ein Dialog. Kunst ist ohnehin ein Dialog in so vieler Hinsicht – mit einem selbst, mit den Materialien, mit den Betrachter:innen... gerade im Prozess geht es vor allem um den Dialog mit dem Material....

Die Frage, die beantwortet werden soll, lautet: hat das Abstrakte, das Informelle, genau das ausgedrückt, was ich wollte? Besonders in diesem Kunstbereich ist die Arbeit mit dem Material ausschlaggebend.

Ist in deiner Kunst quasi der Weg das Ziel?
Ja, tatsächlich ist das eins der Mottos, die ich später nochmal aufgreife. Das ist tatsächlich so bei mir! Der Malprozess ist bei mir – wenn man das von der Reflektion oder von der Agenda her betrachtet, ist der Prozess das, was für mich im Zentrum liegt. Hauptsächlich bei der informellen Kunst, die ich mache, die sich nicht bewusst von etwas extrahiert.

Ich habe keine fixe Aussage oder gesellschaftliche Implikationen in meiner Arbeit. Wichtig ist für mich mein eigener Prozess und andererseits der Prozess, der bei den Betrachter:innen entsteht

Ich mache mir im Vorfeld immer sehr viele Gedanken, meine Arbeit ist dann sehr kontemplativ und durchaus meditativ aufgeladen. Ich versuche mich so in eine bestimmte Gefühlslage zu bringen.

Ich plane auch sehr viel. Materialien etc. stehen schon vorher fest. Dann beginne ich meine Arbeit mit voller Konzentration, und im Arbeitsprozess selbst ist dann wieder Raum für Spontaneität und Intuition.

Bei fast allen meiner Arbeiten gibt es einen gewissen Anteil, der im Vorfeld geplant und gesetzt wird und dann während des Arbeitsprozesses entsteht wieder Raum für intuitives Handeln.

2. Deine Kunst ist.....?
Eine Vergegenständlichung von inneren Prozessen, Aspekten der Persönlichkeit.

Für mich schafft Malerei quasi den Ausdruck dieser inneren Persönlichkeitsaspekte, Emotionen – man kann sie damit aus sich selber herausziehen und in eine Form bringen.

Malerei ist für mich immer reizvoll, weil sie in der Lage ist, meinen geistigen Modus auszudrücken, der nicht verbalisierbar ist und das auch gar nicht sein soll.

Das macht für mich den Reiz an nicht figurativer Kunst aus, dass sie einem – mir und den Rezipient:innen - diesen Raum lässt.

Ich finde es auch total spannend, mich mit den Rezipient:innen zu unterhalten und zu sehen, wie mehrere Wahrnehmungskanäle angesprochen werden und wie das, was ich in meiner Kunst mache, bei anderen etwas auslöst, zu erfahren, was meine Kunst den anderen gibt.

Ich finde es toll, wenn sie eine ästhetische Reaktion, ein Gefühl damit verbinden. Dabei bin ich über die Reaktion „das ist schön und berührt mich“ ebenso begeistert wie über eine reflektierte fachliche Diskussion meiner Arbeit.

Ich find es interessant, wenn sich Rezipient:innen in meiner Kunst wiederfinden, wenn eine Form von Kommunikation stattfindet, weil sie sich persönlich berührt fühlen.

(Meine) Kunst ist eine Form von Kommunikation. Die findet auch über Instagram statt. Dort habe ich inzwischen eine Community mit Menschen, deren Meinung mir sehr viel bedeutet. Vielen folge ich auch selber intensiv. Gerade bei kuratorischen Fragen lege ich Wert auf feedback. Bedingt gehe ich auf Änderungswünsche ein, wenn ich eventuelle Kritik nachvollziehen kann und ich überzeugt bin.

Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:
Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben?

Verkopft, debütantisch, verspielt.

Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?
„Der Weg ist das Ziel“ - s. Frage 1...!

Zur 4. Frage: Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall? Was bedeutet deine Kunst für dich
Was ich mich selber frage, ist, inwieweit es eine persönliche Handschrift oder Ästhetik gibt, die alle Werke durchzieht. Das beschäftigt mich, weil ich vielerlei Bildsprache und Formensprache anwende und mich frage, ob ich irgendwann davon genug habe und einen Zustand finde, in dem ich dann längere Zeit verbleibe.

Meine Kunst bedeutet für mich Entwicklung. Ich sehe den ganzen Schaffensprozess als Entwicklung. Jede Grafik, jede Malerei betrachte ich als Fortschritt oder reflektiere, wo ich gerade ein meiner Kunst stehe. Wenn es experimentellen Charakter hatte – hat mich das jetzt weitergebracht? Möchte ich dabei (länger) bleiben, das weiter verfolgen? ... gerade wenn es um bildtechnische Dinge geht – wenn ich mehr Tiefe schaffen oder kontrastreicher arbeiten möchte.

Ich vermute, dass viele Künstler so arbeiten.

Ich richte mich in meiner Kunst nicht nach dem, was der Markt bevorzugen könnte...oder orientiere mich nur an dem, was akademisch vorgegeben wird.

Im Ausbildungsbereich, auf den ich mich vorbereite, ist so ein freies Arbeiten möglich.

Für mich ist Kunst einerseits eine einzigartige Form der Unterhaltung, andererseits eine einzigartige Kommunikationsform. Für mich als Kunstschaffenden ist sie hauptsächlich eine Form von Katharsis oder Ventil – zur Verobjektivierung von inneren Zuständen, die im nächsten Schritt zum Kommunikationsmittel wird. So trete ich mit meinen Bildern oder meine

Ich finde, man sollte nicht so tun, als hätte Kunst keinen unterhaltenden Aspekt hätte – es geht nicht darum, Kunst so elitär zu gestalten, dass nur noch eine Kommunikation mit Kunsteliten möglich. Viele profitieren davon, wenn Kunst möglichst breit (auch medial) vermittelt wird, zB auch über Instagram... ehrlich sein mit seiner Kunst, ehrlich mit seinen Intentionen, seinen Aussagen umgehen, darauf kommt es an.

Für mich ist Kunst kein Lifestyle! Ich vermarkte mich nicht darüber.


5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit?

Eine Reaktion auf die Corona-Zeit ist mein Instagram-Profil mit Fokus auf Kommunikation. Die Community, die mich vorher physisch umgeben hat und mir feedback zu geben, fiel weg. So habe ich mir diesen Weg gesucht, in den Dialog zu treten...

Ich sehe darin sehr viel Potenzial, eine großartige Möglichkeit für Kollaborationen, wie zB mit euch von Art Apart.

Ansonsten bringt die Pandemie auch pragmatisch-praktische existenzielle Probleme mit sich wie den Verlust meines Ateliers.

Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten?
Nicht intendiert – meine Kunst ist grundlegender, nicht themenbezogen. Allerdings gibt es Auswirkungen auf meine Materialnutzung, weil ich von zuhause aus arbeite. Ölfarbe oder Wachs, die Dämpfe abgeben, kann ich nicht einsetzen, denn mein Welpe würde das nicht vertragen. Auch die Formate passe ich an die Raumbedingungen an.

Bisher fühle ich mich von der Pandemie emotional noch nicht so unter Druck gesetzt, dass ich das künstlerisch verarbeiten musste – ich hatte das Glück, immer arbeiten zu können und keine existenziellen Ängste, und ich bin sozial gut eingebunden.

6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Wie gestaltet sich das nächste halbe Jahr – inwieweit bekomme ich jetzt wieder Raum, mehr zu arbeiten, wie ich das möchte und brauche? Das sind ganz pragmatische Fragen, die mich beschäftigen.

Was ich auch spannend finde: inwieweit Arbeiten jetzt, bezogen auf den künstlerischen Prozess, schneller finalisiert werden, weil die Umstände das erfordern ... vielleicht muss dafür auch die eigene Arbeitsweise angepasst werden, wenn ich in kürzerer Zeit mein Bedürfnis nach Ausdruck befriedigen möchte. Vielleicht übersetzt man das Ausdrucksbedürfnis dann anders.

Die Frage ist also auch: wie übersetze ich dieses Ausdrucksbedürfnis in eine Form, die der aktuellen Lage entspricht?

Das kann man auch als Herausforderung betrachten

7. Welche Frage hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Bezogen auf den Kunstwerk-Rezipient:innen-Dialog: ob es bei Kunstwerken auch als Betrachter und auch für das Publikum: gibt es Werke, bei denen es „Liebe auf den ersten Blick“ gibt oder muss man sich den Respekt erstmal beim Publikum erarbeiten?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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