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Interviews

7 Fragen an

Twan Geissberger

7 Fragen an Twan Geissberger

Liebe Twan,

deine künstlerische Praxis umfasst sowohl Plastik, also Keramiken, als auch Malerei. Dabei

arbeitest du vor allem abstrahierend, wobei aber das „Ausgangssujet“ doch immer erkennbar

bleibt – der Mensch in all seinen Facetten und mit seinen unterschiedlichen Körperteilen, so ein fehleranfällig Wesen, mit dem man Nachsicht üben müsste.

Auf deiner Website zu deinen Keramiken mit dem Titel „Mann und Frau“ schreibst du selbst,

dass du von Francis Bacon inspiriert bist. Ich finde aber, bei Francis Bacon zerfließen die

Körper, während sie sich bei dir – nach meinem Eindruck – eher verfestigen. Bacons Werk

assoziiere ich mit Vergehen, deine Arbeiten mit Werden.

Auch in der Malerei, mit der du hier bei Art Apart vertreten bist, nehme ich das so wahr: die

Portraits sind zwar bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert, aber sie besitzen eine Art „erdige

Substanz“. Dabei stellst du aber Substanzloses oder nicht physisch Greifbares dar wie das

Wesen des Menschen, innere Qualen vielleicht oder solche Gefühle, die einem selbst

rätselhaft bleiben und einen doch ausmachen.

In deiner Malerei sehe ich eine Art Synergie zwischen deinen haptisch erfahrbaren dreidimensionalen Keramiken mit ihrer soliden Materialität und den scheinbar zweidimensionalen, vor allem visuell erfahrbaren Darstellungen von Gesichtern und

sonstiger menschlicher Anatomie. Du zeigst sie verzerrt und in Erdtönen wie eben

keramisches Material und schaffst so eine Verbindung des Unmöglichen – die Darstellung

von Immateriellem wie Gefühlen, Emotionen werden zu etwas Solidem und bleiben

gleichzeitig prozessual und auf den Moment bezogen. Emotionen, Gefühle, Affekte formen ja

die Persönlichkeit eines Menschen zum großen Teil – sie sind flüchtig und wandelbar und

schnell, während der menschliche Körper selbst sich eher langsam wandelt, beispielsweise

während er altert. Gestik und Mimik sind Ausdrücke dieser schnellen Prozesse, und durch

ständige, jahrelange Wiederholung prägen sie wieder die Gestalt des Körpers und werden zu

unseren menschlichen „Markenzeichen“. So tragen wir selbst immer wieder unser Inneres

nach Außen. Und du erfasst das künstlerisch, hältst es fest und gibst deinen Betrachter:innen die Möglichkeit, sich darin zu reflektieren.

Dazu meine 1. Frage:

1. Im Videoportrait sagst du, dich interessiert die Frage, was es eigentlich heißt, ein

Mensch zu sein. Mir kommt es vor, als ginge es dir in deiner Kunst um die materielle

oder visuelle Darstellung innerer Selbsterforschung. Dabei treten auch Formen zutage

in deiner Malerei, die eine ziemlich verstörende Ästhetik haben. Stellst du innere

Kämpfe dar oder einfach die innere Ambivalenz eines/einer jeden von uns, die wir ja

als Menschen stets voller Widersprüche sind? Geht es dir darum, auf innere

Widersprüche aufmerksam zu machen und das Menschliche daran aufzuzeigen?

Mir kommen deine Malereien trotz ihrer Verzerrung oder „Entstellung“ irgendwie

versöhnlich vor, deshalb meine Frage: geht es darum, dass wir unsere eigene

Widersprüchlichkeit akzeptieren – bei uns selbst und auch bei anderen?

Ich denke, dass Gefühle der Ambivalenz eine der fundamentalsten Eigenschaften des

Menschen sind. Allein die Tatsache dass wir einen Körper haben, aber unser Denken davon

unterscheiden zeigt das schon.

Es geht mir darum, zu vermitteln, dass unsere Lebensnarrative die wir uns so zurecht legen,

meist nicht so geradlinig und einfach sind, wie wir sie gerne hätten. Mensch-sein bedeutet

auch, immer offen dafür zu sein, dass alles von dem wir glauben, es sei richtig, es möglicherweise gar nicht ist. Das zu akzeptieren, also auch diese Unsicherheit über uns

Selbst, ist manchmal ganz schön schwer. Michael Köhlmeier erzählt dazu ein wunderschönes Roma-Märchen, es heißt „der Mond“.Der Held befindet sich am Ende der Geschichte halb in einem Baum, seine Freundin, die in diesem Baum lebt, versucht ihn nach oben zu ziehen (denn er hat verabsäumt rechtzeitig eine Tür in das Baum-Haus zu bauen) und seine böse Vampirschwester zerrt ihn nach unten und möchte ihn töten. Es wird Nacht und der Held fragt den Mond was er tun soll. Und dieser antwortet nur: „Halt es aus“.

2. Deine Kunst ist.....?

Meine Kunst ist ein ständiges Forschen und Probieren um die Grenzen meines eigenen

Denkens auszuloten und zu versuchen weiter zu gehen. Es gibt dabei diesen ständigen

Widerspruch von Innen und Außen. Einerseits ist man völlig auf sich selbst zurückgeworfen,

wenn man Kunst macht. Manchmal komme ich mir dabei vor wie allein in einem Raumschiff.

Andererseits ist man ständig mit Kunst von anderen konfrontiert, mit neuen Ideen und

Gedanken. Ich finde dieses Wechselspiel spannend. Ich denke, dass es eine riesen

Bereicherung ist, von anderen zu lernen. Gleichzeitig ist es ein ständiger innerer Prozess,

der diese Eindrücke verarbeitet und eigenständige Gedanken formt.

Und dann gibt es noch eine ganz andere Komponente: Kunst die man zu genau mit Worten

beschreiben kann, finde ich meist langweilig. Ich mag diese Unklarheit in der Kunst und die

Unkontrolliertheit, die dazu führt, dass ich selbst oft nicht so genau weiß wieso ich etwas so

mache, wie ich es mache.

Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für deinPublikum bei Art Apart: Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?

Everything you think you know, might be wrong.

Zur 4. Frage:

Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja,

inwiefern ist das der Fall?

Was bedeutet deine Kunst für dich?

Ja auf jeden Fall. Ich denke zwar, dass die Themen meiner Arbeit universell sind, aber ich

gehe schon immer von mir selbst aus. Die Portraits beispielsweise sind auch eine

Verarbeitung bestimmter kindlicher Erlebnisse.





5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine(mehrteilige) Frage: Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit? Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?

Die Pandemie hat jeden ein Stück weit auf sich selbst zurückgeworfen. Die Reise ins Selbst,

die ich davor schon begonnen habe, wurde dadurch noch intensiviert. Es blieb Zeit für

Experimente und Selbstbeobachtung.

Gleichzeitig hat mich die Isolation von Anderen auch verunsichert und mir ist bewusst

geworden wie wichtig Austausch ist, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Manchmal hab

ich mich gefühlt, als wäre ich aus dem Rad, in dem ich mich davor befunden habe,

herausgefallen. Aber dadurch ist auch ein besseres Bewusstsein dafür entstanden, was es

überhaupt braucht um das Rad am laufen zu halten.

Ich wurde durch die Pandemie in eine künstlerische Krise geworfen, aber ich freue mich

eigentlich über jede Krise, weil sie eben die Möglichkeit bietet die eigene Arbeit zu

hinterfragen und einen schärferen Blick dafür zu bekommen, was wirklich wichtig ist.

6. Welche Frage bewegt dich gerade?

Ich frage mich im Moment ganz grundsätzlich, welche Rolle Kunst in dieser Welt haben kann

und soll. Ich frage mich was Kunst kann, was andere Formen der Gesellschaftsreflexion

nicht können. Denn auch da gibt es ganz entscheidende Widersprüche: einerseits haben wir

alle viele Ideen dafür was gut für die Welt wäre, andererseits funktioniert Kunst nicht in Form

einer Handlungsanweisung. Manchmal muss man sich als Künstlerin einfach dem ergeben,

was kommt und kann nur beobachten wie die künstlerische Arbeit sich vor den eigenen

Augen entfaltet.

7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?

Wisst ihr, warum ihr euch zu manchen Kunstwerken hingezogen fühlt?

Hinterfragt ihr eure ästhetischen Präferenzen?

Wollt ihr die Kunst, die ihr euch anseht, auch verstehen? Oder reicht ein diffuses Gefühl des Gefallens?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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