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Interviews

7 Fragen an

Teye Gerbracht

Lieber Teye,


dein künstlerisches Medium ist die Fotografie, die du einsetzt zum Festhalten und Inszenieren von „Unsichtbarem“ – du erschaffst Bilder, die atmosphärische Szenen schaffen, die wie seltsame unheimliche Märchen wirken.
Du arbeitest mit Mehrfachbelichtung und lässt damit Momentaufnahmen entstehen, die sich vor dem geistigen Auge der BetrachterInnen weiterbewegen. Sie erzählen Geschichten erzählen und evozieren Narrative; dabei bringen sie die BetrachterInnen deinen Sujets innerlich sehr nahe – oder umgekehrt: deine Sujets nähern sich durch ihre eigenwillige mystische Charakteristik dem Innersten deiner BetrachterInnen. Deine Fotografien sind im Grunde medienkünstlerische Bilder, eine Form von malerischer Fotografie - sie „dokumentieren“ eine Welt, die existieren könnte, aber dennoch rätselhaft bleibt. Damit verweist du auf die Möglichkeiten, mit Hilfe eines technischen Mediums quasi magische Momente zu erzeugen, Wirklichkeiten darzustellen, die außerhalb des Bereichs von Realität liegen. Deine Arbeiten erzeugen Sehnsucht nach (eigenen) Traumwelten und wirken gleichzeitig unheimlich. Sie schaffen eine unfassbare Distanz zum Unmöglichen, Nichtexistierenden, und gleichzeitig eine große Nähe zur eigenen Gefühls- und Traumwelt deiner BetrachterInnen.
Auf Art Apart bist du mit den Arbeiten „Kadath I“ und „Kadath II“ vertreten. Der Titel lässt auf eine Novelle des Schriftstellers H.P. Lovecraft schließen. In dieser Erzählung ist Kadath eine Stadt, die im Traum existiert, ein mystischer Nicht-Ort, surreal und nicht lokalisier- oder erfassbar. Du erfasst ihn aber doch, diesen Traum-Ort, in seiner rätselhaften Atmosphäre und rätselhaftem Narrativ – etwas Unerklärliches wird darstellbar durch ein technisches Medium, etwas „Technisches“ wie eine Fotografie wird unerklärlich durch künstlerische fotografische Praxis und Komposition.


Dazu meine 1. Frage:
Gemäß Freud ist das Unheimliche das Fremde im Gewohnten. „Gewohntes“ in deinen Bildern sind Landschaften oder Innenräume, eigentlich ist da gar nichts Fremdes, auch nicht die menschlichen, häufig nackten Körper. Erst die Belichtung und die Komposition erzeugt diesen unheimlichen Eindruck, als trete man mit seinen Blicken ein in ein Spukhaus oder eine gespenstische Landschaft. Andererseits finde ich deine Motive aber auch sehr berührend, „Kadath I“ beispielsweise wirkt schon beinahe romantisch.
Geht es dir darum, zu zeigen, dass das Un-heimliche in uns selber liegt, im Auge des Betrachters, d.h. in der eigenen Wahrnehmung? Dass ein Motiv auch ganz anders „erfühlt“ werden könnte bzw. dass beide Wirkungen gleichzeitig möglich sind, die unheimliche befremdliche ebenso wie die intim-vertraute?
Welche Rolle spielen die in deinen Arbeiten suggerierten Narrative – geht es in diesen auch darum, dass die Sehnsucht des Menschen nach dem Unbekannten gleichzeitig eine Furcht davor enthält, und dass wir „die Wahrheit“ herausfinden könnten – oder gar erkennen, dass „die Wahrheit“ sich uns nie enthüllen wird? Kann Kunst auch dazu dienen, uns unsere (Wahrnehmungs-)Grenzen aufzeigen?

Jeder verbindet mit „Unheimlichem“ etwas ganz Individuelles. Als Kind habe ich oft im Wald gelegen und mir vorgestellt, dass in den Höhlen und Schächten - ich bin in einem Dorf in einem ehemaligen Bergbaugebiet aufgewachsen und der nahegelegene Wald war durchzogen von alten, einsturzgefährdeten Schächten - Wesen unten in diesen Gängen gibt, von deren Existenz wir nichts wissen. Ich war schon immer sehr interessiert an dieser Vorstellung von einer Existenz „neben uns“, von der wir nichts ahnen. Dieser Zauber erhöht sich durch die kalte Abgeklärtheit unserer modernen, technologisierten Zeit. Das Narrativ in meiner Arbeit ist sehr wichtig, ich will es allerdings nicht auserzählen. Ich hadere deswegen sehr damit, den Arbeiten zu präzise Titel zu geben, weil mir die individuelle Interpretation viel lieber ist, als wenn ich den Menschen erzähle, was die Arbeiten (für mich) bedeuten. Die Bilder wollen eigentlich nur „anschubsen“. Den Rest des Weges müsst ihr alleine gehen.


2. Deine Kunst ist.....?
Ein Bemühen, ein Fenster in eine Welt zu schaffen, die sich anfühlt, als gäbe es sie gar nicht oder nicht mehr. Dabei ist sie hier.
Ich sammele und „kartographiere“ aus meiner Kartei all die Orte, die sonst auf diese Weise keiner mehr so sehen wird, wie ich sie zum Stadium des Photographierens sehe - bevor sie abgerissen werden, völlig zerfallen und wieder zu Staub werden.


Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:
Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?

Auf zu den Gespenstern, Moorlichtern und Grabunholden!

Zur 4. Frage: Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall? Was bedeutet deine Kunst für dich?
Kunst ist alles, was mich antreibt. Eine sinnstiftende Tätigkeit in einer zunehmend sinnentleerten und zerstörten Welt.
Um den persönlichen Aspekt aufzugreifen: Ich sammele jene Flecken auf der Karte, bei denen die Zerstörung noch nicht zur Gänze abgeschlossen ist, weil sie (zum Glück) bisher vergessen oder ignoriert worden sind.


5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit?

Für meine Arbeit war es bisher immer sehr wichtig, Ländergrenzen überqueren zu können. Das ist gerade nicht möglich beziehungsweise nicht sonderlich ratsam. Insofern, neben der existenziellen Komponente, beeinträchtigt die Pandemie meine Arbeit sehr. Ich hoffe, dass dieser Zustand bald vergeht.


Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten?
Im letzten April habe ich damit begonnen, sogenannte „Scale Miniatures“ zu bauen. Das ist eine Technik, die man im Film verwendet, um zum Beispiel sehr große und kostspielige Sets bei Totalaufnahmen günstiger filmen zu können. Früher habe ich mir immer gewünscht, irgendwann meine „Orte“ selber bauen zu können, in einer Art Filmstudio. Jetzt, da ich gegenwärtig nicht einmal mehr zu Orten aus meiner Kartei reisen kann, baue ich diese Fantasiegebilde für eine neue Photoserie selbst. Die momentane „Pest“ direkt in die Bilder einzubauen, liegt mir eher fern.


6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Künstlerisch gibt es viele offene Fragen, aber am meisten treibt mich gerade der Klimawandel um. In den letzten Jahren habe ich einzelne Orten mehrfach besucht, um dort zu arbeiten, und jedes Mal habe ich dort einen neuen traurigen Tiefpunkt bemerkt, etwa wie die Natur unter der fortwährenden Dürre zu kämpfen hat. Ein gutes Beispiel ist die sächsische Schweiz oder das sizilianische Hinterland: So weit das Auge reicht, vertrocknete Pflanzen und tote Bäume.


7. Welche Frage hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Habt ihr „Severins Gang in die Finsternis“ von Paul Leppin gelesen?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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