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Interviews

7 Fragen an

Sophie Esslinger

Liebe Sophie,


Dein Medium ist die Malerei, aber du beschäftigst dich auch mit Druckgrafik und Text.
Auf Art Apart bist du ausschließlich mit Malereien vertreten, vor allem Öl, Acryl auf Mischgewebe. Alle Werke stammen aus dem „Corona-Jahr“ 2020; du hast hier vor allem dunkle Farben verwendet und ein sehr dynamischer Duktus bringt starke innere Bewegung ins Bild. Deine Darstellungen von Farben und Formen oszillieren zwischen konkret und abstrakt, sie wirken wie dekonstruierte Naturformen. Mitunter lässt du durch die Zusammenwirkung zwischen Farbgebung und Titel Ambivalenz entstehen, entwickelst ein Spannungsfeld zwischen dem Betrachteten und dem Bezeichneten. Trotz der dunklen Farben wirken deine Arbeiten auf positive Weise energiegeladen und kraftvoll. Deine Arbeiten mit hellen Farbnuancen, die Schwarz-weiß- oder Hell-Dunkel-Kontraste bilden, zeigen Leichtigkeit in ihrem inneren Wechselspiel. Du arbeitest sowohl mit klaren Linien und Konturen als auch mit malerischem Pinselstrich, so dass die Ästhetik deiner Malerei Assoziationen an malerische Druckgrafik oder druckgrafisch inspirierte Malerei weckt und den Blick des Publikums spielerisch herausfordert. Dabei fällt auf, dass die Grenzen zwischen der Anwendung handwerklicher technischer Verfahren zur Erzeugung von Grafik und der scheinbar intuitiven Handarbeit der Malerei fließend sind – sowohl bezogen auf die künstlerischen Verfahren als auch auf deren Wahrnehmung oder Rezeption.


Dazu meine 1. Frage:
1. In deinen Arbeiten auf Art Apart, die zwar primär malerische Wirkung haben, zeigt sich auch der „technische“ Ausdruck von Grafik. Hast du Absicht, zu den Unterschied zwischen „reiner Kunst“ wie Malerei und künstlerischen Handwerkspraktiken wie Grafik zu verwischen oder aufzuheben – oder geht es dir um den Hinweis, dass dieser Unterschied ohnehin konstruiert ist, da auch schon „alte Meister“ mit Druckgrafik arbeiteten und damit bekannt wurden, aber heute vor allem durch ihre Malerei berühmt sind?
Ich widme mich heute vor allem der Malerei, weil ich da auch mit großen Formaten arbeiten kann. Der künstlerische Einsatz handwerklicher Praktiken wie der Druckgrafik hat gewisse Grenzen: man ist im Format eingeschränkt, der Prozess selbst ist dominant, die gesamte Arbeit sehr geplant.
Angefangen habe ich aber mit Zeichnung, mein Arbeitsprozess geht immer vom Zeichnen aus. Als ich mit Malerei begann, habe ich zunächst mit Farbe gearbeitet, und später monochrom, weil ich durch die Reduktion auf schwarz-weiß - ähnlich wie bei Fotografie - eine Art positiv-negativ-Effekt erzielen wollte, weil die monochrome Malerei auch die Wirkung der Formen verändert. Die Reduktion der Farbe führte quasi zur Essenz der Form. In meiner Malerei ist man meine „Handschrift aus Zeichnen, Grafik und Malerei. erkennbar Meine Zeichnungen benutze ich für meine Malerei wie ein Archiv, das mich inspiriert. (Anm: im Atelier hängen entsprechend an einer Wand Zeichnungen, die für die aktuelle Schaffensphase wichtig sind. Die übrigen Wände sind vollständig von großformatigen Ölmalereien verdeckt, von monochrom bis farbig, mit einer sehr lebendigen Formensprache „voller Energie“.)
Die beiden monochromen Arbeiten, die hier stehen, erinnern in ihrer Oberfläche an Regen oder Fell, das suggeriert eine „Oberflächenambivalenz“ und lässt Raum für viele Deutungsmöglichkeiten.


Welche Rolle spielen die von dir gewählten Materialien und Formate dabei?
Die großen Formate geben mir den Raum und die Möglichkeit, gestisch zu malen - ich arbeite am liebsten Nass-in-Nass; ich bevorzuge Ölfarbe und Terpentin auf Leinwand, weil ich damit genau die Effekte erzielen kann, die mir gerade wichtig sind.


2. Deine Kunst ist...?
Beschäftigung mit Farben, Spurensuche, Dekonstruktion von formen. Es gibt darin immer einen Bezug zur Realität, zur Welt, aber auch Verfremdung, Deformierung, Veränderung und Darstellen von „Aggregatzuständen“. Ich spiele gern mit den Dingen und ihren Formen. Abstraktion ist in meiner Kunst immer an die Realität geknüpft, wird immer dekonstruiert, und auch Assoziationsketten spielen eine Rolle in meinen Motiven.
Am wichtigsten ist mir die Energie, diese Energie soll rüberkommen. Ich arbeite ohne Vorzeichnung oder Skizze, völlig ungeplant. Es gibt zwar eine Idee als Grundlage, aber insgesamt soll das Arbeiten spontan bleiben, so dass es auch für mich selber eine Überraschung bleibt, wie das Werk am Ende aussieht.

Auch Fehlleistungen sind spannend: ungeplante Momente sind manchmal am produktivsten, manchmal funktioniert es vielleicht nicht, aber manchmal entsteht auch etwas ganz Neues. Deshalb finde ich es wichtig, sehr viel zu malen. Malen ist eine Sache, die über Zeit geht, über viel arbeiten. Heute behalte ich auch meiner Meinung nach misslungene Arbeiten und versuche zu verstehen, was an dem Bild nicht funktioniert. Jedes Bild bedingt das Nächste, jeder Schritt ist wichtig.

Ich finde, was nicht funktioniert, ist oft interessanter – bei Kunst gibt’s den Raum für Ambivalenz, wo nicht alles klar ist, und das ist das Spannende daran.


Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:
Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?

Dazu fällt mir eine Zeile aus dem Song „Still Burning“ von Lydia Lunch ein: „Take the wheel of the world and drive“! Damit meine ich: einfach anfangen, einfach tun.

„Ohne Malen geht’s nicht“, könnte mein Motto sein.

Es ist für mich superwichtig, einfach malen zu können und einen Ort dafür zu haben.


Zur 4. Frage:
Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen?

Kunst ist immer persönlich, aber die Betrachter:innen haben eine Aufgabe, geben immer was in das Bild hinein. Das Bild soll ja auch andere Bedeutungen und Kontexte bekommen.


Was bedeutet deine Kunst für dich?
Meine Kunst ist für mich superwichtig – ich wüsste nicht, was ich sonst machen würde.
Mein Atelier ist wie eine eigene Welt, es ist vielleicht eine seltsame Form von Eskapismus.

Man kann in den Arbeiten die Zeit festhalten, man kann kein Bild genauso zweimal produzieren, die Arbeit hat etwas „Überzeitliches“.

Vielleicht ist es auch ein Ankämpfen gegen eine Ähnlichkeit, ein Abarbeiten an der Wirklichkeit.
Jedenfalls hab ich gar keine Zeit, mir die Sinnfrage nach meiner Arbeit zu stellen – man ist wohl ein Stück weit einfach von der Arbeit besessen.


5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit?

Alle Rahmenbedingungen haben sich verändert – das Nichtausstellenkönnen ist einer der schwierigsten Aspekte bzw. für mich besonders schwere Folge der Pandemie: dass die Sachen im Atelier stehenbleiben, dass niemand sie sieht.

In meinen Bildern geht es um Atmosphäre, um Aggregatzustände, und die Pandemie als reale Dystopie, der Einbruch des Absurden in die Lebensrealität, absurde und groteske Tendenzen fließen auch in meine Bilder ein. Letztes Jahr waren alle Bilder vor allem monochrom, das reflektiert die Atmosphäre dieser Zeit.

Ich freue mich, jetzt in Düsseldorf als Gaststudentin bei Thomas Scheibitz zu sein!


Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?
Als Arbeitsthema werde ich die Pandemie nicht verarbeiten, das wäre mir zu didaktisch. Aber der Kontext, wie und wo ich arbeite, fließt in meine Bilder ein. (s.o.)


6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Ich arbeite an einer neuen Serie mit mehr Farben und möchte das weiterentwickeln, weniger monochrom arbeiten.


7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Ich freue mich immer über spontane Interpretationen meiner Bilder und bin immer offen für Gespräche. Meine Frage lautet daher: wann kommt Ihr mich in meinem Atelier besuchen?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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