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Interviews

7 Fragen an

Sibylle Czichon

Liebe Sibylle,


deine Kunst ist die Malerei, und so wie du es selbst beschreibst, wirst du durch den Akt des Malens auch selber Teil deiner Arbeit, weil du überall malst – auf dem Boden, an der Wand –und mit allen möglichen Werkzeugen, wie z.B. Küchenschwämmen und ganz besonders der unmittelbare Einsatz deiner Hände beim Malen. Neben der Farbe und dem Malgrund ist dein Körper dein Medium. Deine Malerei ist quasi „Ganzkörpereinsatz“, schon der Malakt ist Performance, ähnlich wie beim Action Painting. Die Ästhetik deiner Werke erinnert ein wenig an Cy Twomblys gemalte Gesten, aber mit „Hintergrund“ – deine Malereien sind „vielschichtig“, wie ein Palimpsest. Du arbeitest mit Schrift (Alphabet Series) und malerisch übersetzten oder transformierten Körpergesten, deine Arbeit überschreitet dabei die Grenzen zwischen Performance und Malerei.


Dazu meine 1. Frage:
1. Du arbeitest auch mit Schrift – geht es dir dabei um Kommunikation oder um die gemeinsame „Performativität“ in der Produktion von Schrift und Malerei? In den Werken, die ohne Schrift auskommen, ist dennoch deine malerische „Handschrift“ zu erkennen – ist deine Kunst eine Art körperlicher Selbstausdruck, durch den deine Arbeiten auch für deine Rezipient:innen zugänglich werden?
Für mich haben schriftähnliche Gesten mehrere Ebenen. Schrift ist für mich ein Element der Zeichnung. Andererseits möchte man sie entziffern. Mir geht es aber gar nicht darum dem Betrachter etwas konkretes, greifbares zu sagen. Im Gegenteil möchte ich erstmal, dass Malerei angesehen wird und auch erfahren wird. Daher die vielen Schichten/Ebenen die alle ihre eigene Zeit und Geschwindigkeit haben, sich verschränken und man zum Teil kaum nachempfinden kann was zuerst da war. Ich mag wenn alles zusammen gleichzeitig sichtbar ist, das Repetitive der Muster(mit Schwämmen) gleichzeitig mit Gesten die das Bild teils durchkreuzen.

Neulich habe ich das Wort „terrorline“ das erste Mal gehört und es hat total bei mir geklingelt. Es kommt aus der Graffiti Sprache und bedeutet eine durchgezogene Linie die eine Fläche oder ein gemaltes Bild zerstört. Ich finde diese Linie gehört mittlerweile zum Bild. Ich finde die Radikalität die in dieser Linie steckt, visuell sehr anziehend. Erstmal ist es so etwas wie ein Nicht-einverstanden sein, was sich da äussert. Auf der anderen Seite wird das Bild nicht völlig übermalt oder ausradiert, sondern existiert mit der Linie bzw. Negierung weiter mit.

Ich mag grelle und kontrastreiche Farben und liebe große Bildformate. Das ist vielleicht noch eine Parallele zu Graffiti Kunst, mit der man meine Arbeit vielleicht auch vergleichen könnte. Ich habe niemals Graffiti gemalt und fühle mich der Szene nicht zugehörig. Dennoch sind die Bilder für mich sehr präsent, weil sie das Stadtbild prägen, vor allem im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin. Sie sind wie bunte Paradiesvögel überall gegenwärtig und einige davon sind richtige Meisterwerke!

Am liebsten male ich große Bilder. In ihnen geht es nicht um „Wissen“ und das Ausführen eines vorher gemachten Plans sondern der Unmöglichkeit das große Format aufgrund meiner Körpergröße so zu beherrschen wie mein Kopf es sich ausgemalt hat. Es geht nicht lediglich um meinen malerischen Selbstausdruck. Ich finde das klingt so pathetisch. Es geht um die Demonstration von Kontrolle (repetitive Muster) und ihrem Verlust und um Improvisation. Die Nerven zu verlieren oder gelangweilt zu sein und darauf zu reagieren. Wenn das Bild groß ist, denke ich im Tun und im Körper. Mein Körper ist sozusagen „schlauer“ oder schneller als mein Kopf beim Malen.


2. Deine Kunst ist.....?
...ein ständiger innerer Dialog der mich aufreibt und antreibt. Ich arbeite mit inneren Visionen und Materialgelüsten.

Ich stelle mir oft vor, ich hätte unendlich Raum, unendlich Malgrund, unendlich Farbe und unendlich Energie um jedes innere Bild in der Wirklichkeit zu sehen. Als ob alle flüchtigen Augenblicke und Momente ein Bild werden könnten.


Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?
„If you repeat a mistake every four bars its not a mistake anymore“ - Brian Wilson


Zur 4. Frage: Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall? Was bedeutet deine Kunst für dich?Viel Platz einnehmen kann auch ein gutes Gefühl sein. Jede,r sollte Wege finden sich Raum zu geben. Ob im Tanz, beim Malen, durch eine eigene Wohnung, oder dadurch NEIN zu sagen.


5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit?

Als Atelierkünstlerin habe ich das große Glück, momentan viel im Atelier arbeiten zu können. Aber ich vermisse meine Freunde und Künstlerkollegen. Austausch ist super wichtig.


Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten?
Nein.


6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Ich weiß es nicht. Es gibt viele Fragen die ich habe, und ohne eine bestimmte Hierarchie welche Frage die dringlichste ist, frage ich mich: warum essen so viele Menschen immer noch Tiere, obwohl sie es nicht müssten/sollten?


7. Welche Frage hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Gab es einen bestimmten Moment in dem ihr begonnen habt, Euch für (junge) Kunst zu interessieren?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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