Magazin

Interviews

7 Fragen an

Pia Litzenberger

Liebe:r Pia,


deine Kunst ist ausgesprochen vielseitig und vielfältig – von Grafik über Fotografie und Film (Video, Sound, Performance) oder virtuelle Foto-/Filmmontagen deckst du unterschiedlichste Gattungen ab. Ohne dich und deine Kunst kategorisieren zu wollen, würde ich dich als Medienkünstler:in betrachten - ich finde, du bist zwischen den unbewegten und den bewegten Kunst-Welten unterwegs und verbindest beide. Dieser Eindruck hat sich bei mir nach dem Besuch deiner Website noch verstärkt.

Auf Art Apart bist du einerseits mit Fotografien, andererseits mit Grafik-Arbeiten und Siebdrucken aus deiner Serie „object permanence/ no fantasy required“ vertreten. Du hast für deine Siebdrucke Teppichfliesen als eher ungewöhnlichen Untergrund gewählt.

Die Siebdrucktechnik hat in der Kunst eine Jahrhunderte alte Tradition, besonders in Asien, doch ist diese Drucktechnik in der westlichen Welt vor allem durch Andy Warhol bekannt geworden.

Siebdrucke sind Serigrafien, sie sind – zumindest begrenzt – reproduzierbar. Die Teppichfliesen sind industriell massenproduzierte Alltagsmaterialien – durch deine Arbeit verbindest du so Kunst mit (Alltags-)Leben.

Das Material der Teppichfliesen erinnert mich auch an Filz, einen bevorzugten Werkstoff des vor 100 Jahren geborenen Joseph Beuys. Ich sehe bei dir aber nicht einfach „Warhol meets Kandinsky meets Beuys“, übertragen ins 21. Jahrhundert, sondern originelle, tiefgründige und auf mich auch humorvoll wirkende Arbeiten, die eben „permanent“ ihre Wirkung auf die Betrachter:innen behalten, auch wenn der Blick abgewendet wird.

Ich finde, wenn wirklich „keine Fantasie nötig“ ist, dann deshalb, weil deine Arbeiten diese bei den Betrachter:innen anregen und erzeugen.

Die Fotografien sind Stills zu einem von dir produzierten Videofilm, der dem zweiten Teil Serie „object permanence“ zuzuordnen ist, diesmal mit dem Titel“ environmental noise“. Im Videoportrait zum Interview finden unsere Leser:innen den Videofilm dazu. Betrachtet man die Stills zunächst außerhalb des Filmkontexts, aber in Kenntnis des Titels, so ist man konfrontiert mit dem Widerspruch oder Kontrast von „Still“ und „Noise“ – das „stille“ Stillleben der Fotografie im Gegensatz zum Klangmix im Film, wo menschengemachte Klänge sich mit Naturgeräuschen verbinden.

Die Objektpermanenz ist demnach ein zentrales Thema in deiner Arbeit. Damit komme ich zu meiner 1. Frage:

1. Der Begriff Objektpermanenz bezeichnet nach Jean Piaget die in der frühen Kindheit erworbene kognitive Fähigkeit zu wissen, dass Objekte auch weiterhin existieren, wenn sie nicht mehr sensorisch wahrgenommen werden können, z.B. aus dem Sichtfeld geraten.
Je nach eingesetztem Medium haben die Betrachter:innen es bei dir mit Bildern zu tun, die verschwinden und wiederkehren (wie auf deiner Website), abstrakte Arbeiten, die selbst „Objekt“ sind, aber nicht sich selbst darstellen (wie zB die Siebdrucke) oder die Fotografien der Filmstills, wo jedes für sich sowohl Objekt ist, als auch Objekte zeigt als auch Teil(objekt) eines Prozesses, also des Films ist.

Wer will, kann also Metaebenen in deinen Arbeiten finden, die selbst Objekte sind und nachhaltige, permanente Eindrücke erzeugen. Doch diese Eindrücke sind nicht eindeutig. Was sensorisch wahrnehmbar ist, ist nur eine Facette der Arbeit.

Das irritierende Moment entsteht in der Auseinandersetzung mit den Arbeiten. Lässt man das bleiben, verursacht aber auch die Ästhetik der Arbeiten mit den scheinbar widersprüchlichen Titeln eine gewisse Irritation beim Betrachter. Kunst soll ja durchaus die Wahrnehmung herausfordern – ist das vielleicht ein beabsichtigter Eindruck, der fortbesteht, ebenso wie das (Kunst-)Objekt selbst?
Vielen Dank für diese interessante Frage, Tatjana!
Würde sich jemand in meine Wahrnehmungsperspektive versetzen wollen, so wäre es hilfreich zu verstehen, dass es sich bei den Werkreihen „object permanence/ no fantasy required“ und „object permanence/ environmental noise“ um komplexe Vorstellungswelten handelt. Natürlich sind dies meine eigenen Vorstellungswelten, die sich allerdings auf wiederum bekannte Objektwelten berufen. Gerade weil sich Bezüge zu Bekanntem herstellen lassen, sind Betrachtende des Werkes gefragt, eigenen Assoziationen nachzugehen. Im Sinne der Objektpermanenz also, dass nicht Sichtbares trotzdem existiert. Vielmehr also das Vertrauen in die Vorstellungskraft. Ich finde es in diesem Zusammenhang interessant einen Bezug zu Erinnerungen und Erfahrungen herzustellen. Dabei spielt natürlich die eigene Geschichte der betrachtenden Person eine wesentliche Rolle. Bedingt durch Kapitalismus und Globalisierung gibt es aber bestimmte Objektwelten, die fast überall reproduziert werden. Diese Bilder verarbeite und transformiere ich in meinen Werken. Du hast recht damit meinen Werken eine Vielseitigkeit zuzusprechen. Ich strebe eine Vielstimmigkeit in meiner künstlerischen Arbeit an, die sich in der Auswahl der Materialien und Themen widerspiegelt.


2. Deine Kunst ist.....?
Im künstlerischen Schaffen sehe ich die Möglichkeit eigene Gedanken zu formulieren und erfahrbar zu machen. Ich verstehe Kunst in einer Öffentlichkeit und mit ihr die Aufgabe Gegenwärtiges zu thematisieren, es individuell zu beleuchten und künstlerisch weiterzuentwickeln.


Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart: Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?
Eigentlich habe ich eher Lieblingslieder, die vielleicht so etwas wie ein Mantra in meinem Leben sind. Musik und gute Texte geben mir extrem viel Freude und Kraft. Um mein aktuelles Lieblingslied an einem regnerischen Freitag hier mal preiszugeben: nun heute handelt es sich um „Action“ von Chai.


Zur 4. Frage: Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall? Was bedeutet deine Kunst für dich
Das Medium der Grafik ist für mich essentiell. In meinen Arbeitsprozessen spielen Zeichnungen, Skizzen und Renderings eine wesentliche Rolle. Die von mir entwickelten Symbole für die Siebdrucke auf Teppichfliesen haben daher einen ganz persönlichen Ursprung. Für seine eigenen Gedanken und Ideen Symbole zu entwickeln, empfinde ich als ein sehr spannendes Forschungsfeld.


5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit? Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten?

Natürlich sind die Folgen der Pandemie auch für mich sehr präsent. Trotz der eingeschränkten Möglichkeiten finden sich aber immer wieder neue Wege, neue Plattformen. Zum Beispiel das Konzept der Online Galerie wie Art Apart es macht, finde ich angesichts der aktuellen Einschränkungen, aber auch bezogen auf die sich steigernde Relevanz von digitalen Plattformen sehr gelungen und bin dankbar über die Möglichkeit, hier meine Werke anbieten zu können.

Allerdings ersetzen die digitalen Plattformen keinen tiefgreifenderen Diskurs. Mir fehlt vor allem der Austausch über Kunst, gemeinsam in einer Ausstellung oder im Atelier zu stehen und zu diskutieren. Ich freue mich darauf, wenn dies wieder möglich ist.

Die sozialen Auswirkungen der Pandemie werden mich in den nächsten Arbeiten auf jeden Fall begleiten. Für mich persönlich ist es wichtig, dafür den Raum zu schaffen und diese sehr einschneidende Zeit künstlerisch zu verarbeiten.


6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Wie schaffen wir es, den Stellenwert von Kunst in der Gesellschaft zu heben und zu festigen? Wieso werden wirtschaftliche Großkonzerne mehr gefördert als die Kunstinstitutionen?

Brauchen Künstler:innen eine eigene Lobby?


7. Welche Frage hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Ich habe keine Frage, aber möchte gerne etwas mitgeben:

Bleibt mutig!

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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