Magazin

Interviews

7 Fragen an

Monika Dorniak

Liebe Monika,


du beschäftigst dich in deiner Kunst mit der Konstante „Mensch“ in der Welt der Veränderungen, gekennzeichnet u.a. durch Migration, Entwurzelung, das Anthropozän mit seinen möglichen Folgen. Du lässt kein aktuelles Thema aus, um in deiner Kunst die „conditio humana“ in unterschiedlichen und ungewöhnlichen Perspektiven zum Ausdruck zu bringen.
Auch deine Arbeiten, mit denen du bei Art Apart vertreten bist, bilden quasi „Menschliches und allzu Menschliches“ ab: mit den fotografischen Arbeiten „Entfremdetes Selbst“ (1-6) und den Collagen „A Sequence Of An Eclectic System“ und „The Human Soul Does Not Exist Any More Than The Soul Of The Beehive Does” greifst du inhaltlich die Themen von Trennung und Verbindung auf – du zeigst den unter den Konsequenzen des Anthropozän leidenden, von sich selbst entfremdeten Menschen, aber auch seine gleichzeitig bestehende tiefe innere Verbindung mit dieser Welt.
Im Hinblick auf die genannten Werke überschreitest du in deiner künstlerischen Praxis mittels Fotografie und Collage Gattungsgrenzen zwischen Performance und Skulptur. Deine Interdisziplinarität bedingt eine große Themenvielfalt in deinem Werk, die stets einem „roten Faden“ folgt, der Menschen mit „Allem“ verbindet, vernetzt und auch Durchdringung anklingen lässt – doch fehlt noch die menschliche Erkenntnis über diese Zusammenhänge, und dies ist die Ursache der „Selbstentfremdung“.

Dazu meine 1. Frage:
1. Meinst du, wir Menschen sind auf dem Weg zur Erkenntnis? (Wie) könnte Kunst uns dabei helfen?

In dem Prozess neues Wissen aus Erfahrung zu sammeln, stoßen wir manchmal an Grenzen. Entsprechend wird auch das Erlangen von Erkenntnis durch unterschiedliche Faktoren beschränkt. Dies war in der Vergangenheit so, und an den aktuellen globalen Geschehnissen erkennen wir, dass sich das leider auch in naher Zukunft nicht komplett verändern wird. Wie Ludwig Wittgenstein in seinen philosophischen Untersuchungen zu Beginn des letzten Jahrhunderts erkannt hat, führt uns gerade die verbale Sprache mit ihren ‘unsichtbaren’ Grenzen in die Irre. Solchen Grenzen begegnete ich auch sehr oft im akademischen Bereich, wo konservative Formen der Wissensgewinnung stets vorwiegen, was auch zu einer kontraproduktiven Separation von Disziplinen führt. Die Arbeit der belgischen, zeitgenössischen Philosophin und Chemikerin Isabelle Stengers hat mich durch ihre rhizomatischen Grenzüberschreitungen dazu inspiriert, die Art der konservativen Wissensgenerierung kritisch zu betrachten.

In meiner interdisziplinären Arbeit analysiere ich Thematiken nicht nur durch die verbale Sprache, sondern die Kommunikation des gesamten Organismus. Ich habe mich in meiner Arbeit auf das Körperwissen fokussiert, und dafür seit einigen Jahren mit Tänzern und (Neuro-)Philosophen gearbeitet. Für eine kurze Zeit habe ich Psychologie studiert, und die Wissenschaft der Neuropsychologie in einem Forschungspraktikum besser kennen gelernt. Dort habe ich erkannt, dass es in vielerlei Studien weniger um die Gewinnung von Erkenntnis als um schnelle Lieferung von Ergebnissen geht. Diese Veränderung der Wissensgewinnung ist auch ein Resultat unserer Leistungsgesellschaft, in der vom Menschen oftmals versucht wird, das Rad der Zeit durch Tricks zu verändern.

Kurz danach habe ich Tanz an der Universität der Künste Berlin studiert, und dort den kontemporären Philosophen Alva Noe kennen gelernt, der aktiv mit Tänzern arbeitet, und diese als ‘Wissenschaftler’ bezeichnet. Schon sehr früh habe ich das Bedürfnis gehabt, intuitiv Personen unterschiedlichster Disziplinen zu vereinen, und später auch geschichtliche Beispiele, wie das multi-disziplinäre Symposium von Louwrien Wijers entdeckt, in dem die niederländische Künstlerin u.a. John Cage, Dalai Lama, Marina Abramovic, Ilya Prigogine zusammengebracht hat, um vereint gesellschaftspolitische Themen zu diskutieren. Ich glaube, dass die Kunst uns erlaubt, und gar dazu auffordert, Grenzen zu überschreiten, und aktiv in das Geschehen einzugreifen.

2. Deine Kunst ist.....?
...ein Einblick in teilweise verdeckte und entsprechend unbekannte Welten. Meine Arbeiten beschäftigen sich poetisch, wissenschaftlich, politisch, autobiographisch, und zukunftsgewandt mit kollektiven Themen. Dabei verbinde ich auf individuelle Weise aktuelle natur- und sozialwissenschaftliche Studien mit persönlichen biographischen Recherchen. All dies mit der Erkenntnis, dass wir als Menschen noch sehr vieles nicht erkannt haben.

Die 3. 2teilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:
Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?

Auch negative Erfahrungen führen zum Wachstum.

Zur 4. Frage:
Spiegelt sich in deinen hier gezeigten Werken auch eine persönliche „Bewältigungsstrategie“? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall? Was bedeutet deine Kunst für dich?

Wie manche Künstlerkolleg_Innen fühle ich mich dazu berufen, meine Arbeit zu machen. Meine eigene multi-kulturelle Biographie beinhaltet sehr viel verborgenes Material, und meine ungewöhnliche Art die Welt wahrzunehmen bietet mir immer wieder Inspiration für neue Werke. Künstler_Innen wagen sich in unentdeckte Höhlen zu steigen, und können diese Erfahrungen für die Aussenwelt interpretieren. In meinen Arbeiten suche ich immer wieder nach Möglichkeiten dem Menschen in der Ära des Anthropozäns die Entfremdung von der Natur und auch der Menschheit zu verdeutlichen, und auch Perspektiven für eine neue Verbindung zu dieser veränderten Natur zu eröffnen. Dabei suche ich auch persönlich nach einer Balance zwischen Nostalgie (bzw. Solastalgie), und der Gegenwart, welche sich gerade durch meine Kollaboration mit Tänzern sehr gut ergibt.

5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit? Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?

Die außergewöhnliche Pandemie hat meine Arbeit, abgesehen von den wirtschaftlichen Faktoren, eher positiv beeinflusst. Vor dem Beginn der Pandemie bin ich als Künstlerin sehr viel für meine Projekte verreist und konnte entsprechend selten konzentriert für lange Zeiträume im Studio arbeiten. Die letzten Monate nutzte ich insbesondere für die Arbeit an meinem Archiv und der Produktion neuer Skulpturen. Auch begann ich mit der Recherche für eine neue multimediale Performance, für die ich eine großzügige Förderung von dem Fonds Darstellende Künste erhalten habe. In diesem Projekt werde ich mit einer Gruppe von Performern die Voraussetzungen für Solidarität in unserer pluralisierten Gesellschaft untersuchen. Gerade in der aktuellen Zeit ist dieses Thema von großer Bedeutung, da in den letzten Jahren Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zugenommen haben. Die aktuelle Situation hat uns mehr denn je verdeutlicht, wie vernetzt unsere Welt ist, und dass wir Solidarität neu definieren müssen, um faire Bedingungen für alle Menschen zu schaffen.

6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Was muss gegeben sein, damit die Menschen in unserer pluralisierten Gesellschaft trotz deren Gegensätzen über ihre vielfältigen Gemeinsamkeiten neu in Verbindung treten?

7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Sind Sie vertraut mit Ihrer Intuition?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit unserer Verwendung von Cookies einverstanden.

Wir verwenden Cookies, um Ihnen ein tolles Erlebnis zu bieten und unsere Website wirksam zu betreiben. Mehr Information zum Thema Cookies und Datenschutz findest du hier!

 

 

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit unserer Verwendung von Cookies einverstanden.

Wir verwenden Cookies, um Ihnen ein tolles Erlebnis zu bieten und unsere Website wirksam zu betreiben. Mehr Information zum Thema Cookies und Datenschutz findest du hier!

 

 

Ihre Cookie Einstellungen wurden gespeichert.