Magazin

Interviews

7 Fragen an

Lisa Klinger

Liebe Lisa,


du verwendest Graphit und Papier als Arbeitsmedien und zeichnest mit „Bleistift“ auf Papier, eine ganz klassische Technik. Doch deine Zeichnungen wirken mitunter wie Malerei – sie zeigen abstrakte, oftmals gerundete „Körper“, ihre Formensprache und Ästhetik erinnert ein wenig an dadaistische Skulpturen von Hans Arp. Diese plastische Wirkung entsteht durch deine akribische Zeichentechnik und die dem Medium geschuldete puristische Ästhetik der Graustufen - damit entsteht ein intensiver Eindruck von Dreidimensionalität in deinen zweidimensionalen Arbeiten. Auf diese Weise wirken deine Arbeiten einerseits rätselhaft, andererseits überbrückt die so wahrnehmbare Räumlichkeit die Distanz zu den Rezipient:innen und lässt dieses Spannungsfeld von Nähe und Abstand entstehen.

Durch die beschreibenden, aber mitunter irritierenden Titel entwickelt sich zudem eine intime und doch unbestimmbare spannungsgeladene Beziehung zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem (deinen Arbeiten) und damit auch zu den Betrachter:innen.

Auf Art Apart bist du mit Zeichnungen vertreten, aber Installationen gehören auch zu deinem Werk. Mit diesen dringst du tatsächlich in den Raum ein, während die Zeichnungen davon eine plastische Illusion erzeugen. In deiner Kunst stellst du so Gattungsgrenzen zwischen Malerei, Zeichnung und Plastik oder Skulptur ebenso in Frage wie den ursprünglichen Zweck der Zeichnung, die meist als Dokumentation oder Vorstadium, als Skizze für eine Idee genutzt wurde: hier ist die Zeichnung das Ergebnis der Idee, sozusagen der Weg als Ziel.


Dazu meine 1. Frage:
1. Deine Zeichnungen stehen durchaus „für sich“ und sind eben nicht etwa Vorarbeiten für deine plastische Arbeit. Geht es dir darum zu zeigen, dass Räumlichkeit „relativ“ ist, je nachdem, auf welche Weise wir sie sinnlich erfahren können? Räumlichkeit ist in der Zeichnung visuell wahrnehmbar, bei der Erfahrung einer Installation im Raum wird die kinetische Wahrnehmung der Rezipient:innen angesprochen. Die Räumlichkeit deiner Zeichnungen ist aber im Grunde ebenso „plastisch“ und räumlich – können deine Zeichnungen damit quasi synästhetisch oder prinzipiell „berührend“ sein? (Wie) kann deine Kunst die Rezipient:innen berühren?
Die Thematisierung von Relativität ist wohl in all meinen Arbeiten vertreten – auch, aber nicht nur in Bezug auf Raum und Räumlichkeit. Mein ehemaliger Professor hat es, denke ich, ganz gut ausgedrückt, als er einmal schrieb, dass meine Arbeit eine „befremdliche und herausfordernde Neuorientierung in der Art und Weise, wie wir uns selbst und unseren Platz in der Welt betrachten“ bildet und dass sie bei dem/der Betrachter/in eine „Werteverlagerung“ fordert.

Bleistifte und Graphit sind für mich nicht nur Mittel zum Zweck, um ein Bild zu machen. Sie besitzen eine äußerst ansprechende und einzigartige Materialität von bildhauerischer Qualität, die ich auch auf einem Blatt Papier sichtbar machen möchte. Graphit besteht komplett aus Kohlenstoff, ein Element, das auch einen Großteil des menschlichen Körpers und denen aller anderer Lebewesen ausmacht. Sobald man sich diese Zusammenhänge, diesen Kreislauf, bewusst macht, verändert sich die eigene Beziehung zur Zeichnung essentiell – so war es jedenfalls bei mir.


2. Deine Kunst ist.....?
was mir möglich ist.


Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:
Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?

simple ⇄ complex


Zur 4. Frage:
Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall?
Was bedeutet deine Kunst für dich?

Meine Zeichnungen zeigen Objekte, die allein in einem undefinierten Raum sind. Somit haben sie etwas Freies und Schwereloses, aber auch Isoliertes an sich. Erfahrungen der Einsamkeit und Isolation haben mich als Mensch sehr geprägt. Ich bin überzeugt, dass solche Lebenseinschnitte direkt in die Kunst übergehen. Kunst ist

letztendlich nichts anderes als die direkte Übersetzung von Ideengut und Erfahrung in Material. Deshalb lässt es sich nicht vermeiden, dass meine Arbeiten sind wie sie sind, wie ich bin.


5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit? Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?

Die Pandemie beeinträchtigt und beeinflusst meine Arbeitsweise wenig, da ich ohnehin eher zurückgezogen lebe und schaffe. Die gesellschaftliche Entschleunigung gab mir teilweise sogar bessere Konditionen, um ungestört an meiner Kunst arbeiten zu können. Ich kann mir vorstellen, dass durch das allgemein Erlebte einige Betrachter:innen zukünftig einen Bezugspunkt zu den Themen meiner Werken finden können, der für sie vorher nicht zugänglich war.


6. Welche Frage bewegt dich gerade
Zeichnen ist ein sehr flüchtiger Prozess ist: Bei der Verwendung eines Bleistifts führt das Reiben an der Oberfläche dazu, dass das weiche Graphit der Mine tatsächlich „in Stücke zerfällt“ und am Ende eine Spur hinterlässt. Graphit trocknet nicht, sondern bleibt in Teilchen am Träger haften (es sei denn, es wird fixiert), was es zu einem sehr fragilen und vergänglichen Material macht. Mein derzeitiges Interesse gilt der weiteren künstlerischen, aber auch wissenschaftlichen Untersuchung dieses Prozesses und der Entwicklung meiner Arbeiten in eine Richtung, die dieser Wahrheit nicht nur entsprechen, sondern sie für den Betrachter auch zugänglich machen. Darum die Frage: Wie kann ich, mit dem Medium der Zeichnung, eine persönliche, zeitgenössische Interpretation des Vanitasbegriffs schaffen, der mehr auf Materialität als auf Pathos ausgerichtet ist?


7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Schwarz, weiß oder grau?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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