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7 Fragen an

Ke Li

Liebe Ke,

dein Medium ist die Skulptur – aber während Skulptur meist eine solide und statische Materialität suggeriert, wirken deine Arbeiten schwerelos, schwebend, transparent und bewegt. Aus Pflanzenteilen, die du sammelst und trocknest und dann zu komplexen Fantasiegebilden zusammenfügst und schließlich in Gießharz fixierst, erschaffst du phantastische „Mischwesen“, die wie Meerestiere oder Insekten wirken. Sie scheinen zu schweben, zu schwimmen, zu fliegen, sie glitzern im Licht. Zwar sind sie im Gießharz gefangen, doch wirken sie „frei“ in ihrem transparenten Habitat.

Die Arbeiten, mit denen du auf Art Apart vertreten bist, tragen Titel wie „Laich“, „Qualle“, „Seestern Baby“ oder „Seestern Mann und Frau“. Aus Naturmaterialien erschaffst du Kunstgegenstände, die in ihrer poetisch anmutenden Ästhetik gleichzeitig natürlich, künstlich und künstlerisch wirken, aber auch sehr berührend in ihrer Zartheit und Zerbrechlichkeit. Indem du deine Werke nach unterschiedlichen Entwicklungsstadien betitelst wie „Laich“ und „Fisch“, und Paaren zusammenzufassen wie „Mann und Frau“ oder in Familien, wenn noch ein „Baby“ hinzukommt, verleihst du ihnen zusätzliche Lebensnähe.

Deine kunstvollen Phantasiewesen in ihren klar-glänzenden Gießharzkuben erinnern ein wenig an Präparate wissenschaftlicher Sammlungen oder Wunderkammern. Sie scheinen den Wahrheitsanspruch naturwissenschaftlicher Erkenntnis herauszufordern.

Stellen sie eine neue Realität, eine neue Erkenntnis dar, nämlich die Repräsentation von Natur nach künstlerischer, nicht naturalistischer Wahrheit, die den Betrachter:innen auf eine leichte, humorvolle und dennoch tiefgründige Weise eine andere Sicht auf die Welt bietet? Dies wäre Teil 1 meiner ersten Frage...

Ich wollte eine virtuelle, poetische, symbolische, ökologische Welt erschaffen, und ich habe in meiner Arbeit vielfach meine Absicht ausgedrückt, „To see a world in a grain of sand And a heaven in a wild flower“ (Auguries of Innocence, William Blake).

Alle Details in meiner Arbeit stammen von Pflanzen, die überall in der Natur zu finden sind. Nach dem Spleißen (Anm. der Verf.: das ist eine Verbindungstechnik in der plastischen Arbeit der Künstlerin) erhalten sie quasi eine neue Bedeutung, eine ganz neue Geschichte.

Meine Arbeit ist komplex in ihrer Form und äußerst detailreich. Der Schaffensprozess ist wie Mediation und verlangt sehr viel Geduld und Konzentration.

Der Blick auf die Welt durch eine Lupe ist isoliert oder isolierend, aber die Art und Weise der Interpretation ist recht einfach – die Menschen brauchen nur die Details genauer zu betrachten und die Schönheit (in) der Arbeit zu spüren. In der heutigen Gesellschaft gehen zahlreiche Materialien, Symbole und Zeichen (miteinander) eine hohe Komplexität ein - sie bedürfen sorgfältiger Interpretation. Doch vieles wurde längst verallgemeinert. Warum nutzen wir nicht die primitivsten Beobachtungen, um die unerschöpfliche Weite des Universums zu erleben? Das wäre im Buddhismus eine Art Weg "aus der Säkularität" heraus.

Sind Natur, Träume und die Besessenheit von einer Sache nicht die Utopie, die wir in unserem täglichen Leben überall sehen konnten?

Und nun noch zu Teil 2 meiner 1. Frage:

In vielen deiner Ausstellungsbeschreibungen wird erwähnt, deine Kunst sei beeinflusst oder inspiriert von chinesischer Literatur. Auch wenn es meiner Meinung nach nicht zwingend notwendig ist, diesen Hintergrund zu kennen, um einen Zugang zu deiner Arbeit zu finden, interessiert es mich doch sehr, wie das gemeint sein könnte. Meine – zugegeben oberflächliche – Recherche in dieser Hinsicht ergab, dass chinesische Naturlyrik auf Wirklichkeitsbezug und „Wahrheit“ fokussiert ist. Du spielst aber mit Illusionserzeugung, erschaffst Wesen, die nicht existieren. Ist das dein Perspektivenwechsel auf diese Literatur? Geht es vielleicht auch um Synergien und Synergieeffekten zwischen östlichen und westlichen Kunst-Traditionen oder Philosophien?

Ich bin in China aufgewachsen, und die östliche Ästhetik ist in mir implizit, zum Beispiel assoziiere ich sie immer unbewusst mit einigen der mythologischen Geschichten, die ich in meiner Kindheit gehört habe. Aber ich möchte nicht bewusst zwischen Ost und West unterscheiden, vielleicht ist meine visuelle Präsentation östlich. Aber was ich ausdrücken möchte, ist, so hoffe ich, etwas, das eine Gemeinsamkeit hat. Ich möchte, dass die Essenz meiner Arbeit eine Art von Poesie ist, mit der sich jeder identifizieren kann.

2. Deine Kunst ist.....?
“To see a world in a grain of sand

And a heaven in a wild flower”

Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:

Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?

Ich habe weder Motto noch Mantra.

Zur 4. Frage:

Was bedeutet deine Kunst für dich persönlich?

...eine Möglichkeit, der Realität zu entfliehen.

5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit? Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?

Pandemiebedingt war ich lange Zeit allein mit mir selbst. Das war für mich keinesfalls nicht schlimm, sondern ein Erlebnis von Ruhe und ruhevollem Arbeiten.Dieser Zustand ist für mich näher an der Essenz der Kunst, nicht für die Ausstellung, sondern für mich selbst.

Meine Antwort ist, konsequent zu sein und bei dem zu bleiben, was ich immer gesucht habe, meine Antwort auf eine sich verändernde Welt.

6. Welche Frage bewegt dich gerade?
s. Frage 1...

7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Aktuell - noch - keine...

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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