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Interviews

7 Fragen an

Johannes Raimann

Lieber Johannes,


du beschäftigst dich in deiner Kunst intensiv mit Fotografie, dem „Lichtzeichnen“. Deine Werke auf Art Apart haben u.a. das Thema „Reflexion“ gemeinsam, und zwar im doppelten Sinne – nicht nur durch die Materialverwendung und die künstlerische Arbeitstechnik, sondern vor allem in der Rezeption deines Werks geschieht diese „Spiegelung“ als Anregung zum Perspektivenwechsel, als Denkanstoß.
Bei deinen Werken handelt es sich nicht im technischen Sinne um Fotografien, sondern du verwendest transparente und spiegelnde Materialien, auch Fotogramme, du „konstruierst“ deine Werke regelrecht.

Auf Art Apart bist du vertreten mit deinen Werken "Optik 02" (2019) unter der Gattung Graphik, "Photogramm der Fotografie" (2020) unter Fotografie und unter der Gattung Skulptur mit den beiden Werken "Reflecting on RGB" (seit 2017), einer Montage von Fotopapier auf Spiegelglas, und "Angelus Novus" (2020), einer Glasgravur. Damit deckst du medien- und gattungsübergreifend gleich drei Gattungen ab und zeigst dabei auf, wie künstlich und fließend diese Grenzen im Grunde sind. Alle drei Werke eint ihr Bezug zur Fotografie.

Die neutral wirkende Schwarz-Weiß-Ästhetik dieser ausgewählten Werke lässt Raum für jede Art von „Reflexion“ und lädt die Betrachter:innen ein, sich damit auseinanderzusetzen, die scheinbare Objektivität des Werks mit der eigenen Subjektivität zu ergänzen. Was wird wirklich sichtbar beim Betrachten der Werke?

Der „rote Faden“ in der Themenvielfalt deines Werks, für das die hier gezeigten Arbeiten repräsentativ sind, ist die quasi meta-mediale Arbeit mit Fotografie über Fotografie. Sie verbindet die Idee von Abbildung des Unsichtbaren durch das Zusammenwirken von Subjekt (Künstler, aber auch Rezipient:in) und Objekt (technisches Medium der Fotografie, aber auch alle verwendeten Materialien). Fotografie als Kunstform und Kunst mit Fotografie dient dir zur Darstellung des „Wesens“ der Dinge, ihrer materiellen und immateriellen Energie und wie diese gedacht oder reflektiert werden kann.


Dazu meine 1. Frage:
1. Geht es dir um Selbst-Reflexion für deine Rezipient:innen?
Von Thomas Ruff stammt die Aussage, Fotografie sei die „größte Bewusstseinserweiterungsmaschine“. Glaubst du, Medienkunst kann das Bewusstsein erweitern? (Wie) könnte deine Kunst dabei helfen?

Was ist Ruffs Definition oder Auffassung von „Bewusstsein“? Mir geht es eher darum, meine Faszination darüber zum Ausdruck zu bringen, dass Reflexion und damit auch Selbstreflexion überhaupt möglich ist. Erkenntnis entsteht durch Reflexion, aber Absorption ist ebenso wichtig dafür.

2. Deine Kunst ist.....?
...ist für mich ein Laboratorium, ein Experimentierfeld! Sie hat viel mit Fotografie und der fotografischen Praxis zu tun, aber auch mit Philosophie, Gesellschaftskritik und dem Denken an sich. Ich arbeite z.B. mit Teststreifen, Versuchsreihen... ich arbeite analog und digital, manche Werke entstehen zumindest teilweise in der Dunkelkammer, und ich bearbeite auch manuell – Handarbeit sozusagen als physischer Eingriff des Künstlers in den Prozess. Der körperliche Einsatz spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle, genauso wie der intellektuelle und politische Zugang.

Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:
Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben? Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?

Treffen sich zwei Künstler – Beide Tot

Zur 4. Frage:
Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall? Was bedeutet deine Kunst für dich?
Sie ist in dem Sinne persönlich, dass ich die Kunst mache, die mich interessiert. Meine Kunst ist für mich ein Laboratorium – ein Experimentierfeld.

5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit? Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?

Dazu verweise ich auf meine Arbeit „Angelus Novus“, die im Pandemie-Jahr 2020 entstanden ist. Die Gravur auf Glas entspricht dem Zeichen mit Licht und damit der Photographie im wörtlichen Sinne („Lichtzeichnung“). Glas ist ein spannendes Material, weil es gleichzeitig reflektiert, aber auch durchsichtig ist und „durchschaut“ werden kann.

„Angelus Novus“ nimmt Bezug auf Paul Klees gleichnamiges Werk. Ich habe es im Format wie Paul Klees Malerei gestaltet. Philosophische Bedeutung und große Bekanntheit hat „Angelus Novus“ durch Walter Benjamins Text „Über den Begriff der Geschichte“ erhalten. Klees Engel wurde zum „Engel der Geschichte“. Jahrzehntelang hat dieses Werk Benjamin begleitet und inspiriert, er hatte dieses Werk bei sich, als er über die Grenze nach Spanien ins Exil flüchtete. Damit ist dieses Werk unglaublich wirkmächtig geworden. Dieser Engel des Paradieses ist dem „Sturm des Fortschritts“ ausgesetzt, der droht, ihn hinwegzufegen.

Die Pandemie verändert unsere Welt in jeder Hinsicht, aber der „Angelus Novus“ ist für mich der Beweis, dass Kunst für Menschen etwas bedeutet, dass sie etwas bewirken kann – den Glauben daran nicht zu verlieren, das ist eine gute Übung!

6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Im Rahmen meiner aktuellen Abschlussarbeit beschäftige ich mich gerade mit der Standardisierung von Farben. Dazu gerne mehr Details im Sommer...

7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Ich möchte wissen, wofür mein Publikum brennt.

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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