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Interviews

7 Fragen an

Gesine Kikol

Liebe Gesine,

in einem Interview mit Maren Knapp Voith vom letzten Jahr hast du bereits erklärt, dass dich die Themen Leben und Vergänglichkeit sowie Liebe und Tod, also Eros und Thanatos, in deiner Kunst beschäftigen. Beides ist untrennbar miteinander verbunden und voneinander durchwirkt – Liebe erzeugt Leben, und das Leben beinhaltet von Anfang an die eigene Vergänglichkeit und nähert sich unaufhaltsam dem Tod.

Mit deinen Arbeiten über tote Motten in ihrer fragilen Ästhetik verweist du auf die unausweichliche Vergänglichkeit allen Lebens, die sich paarenden Eichhörnchen dagegen als possierliche Wild – und Waldtiere beim Liebesakt vermitteln einen völlig anderen, unbeschwerten Ausdruck dieser beiden Themen. So findest du in deiner Kunst neben der tiefen Ernsthaftigkeit dieser beiden existenziellen Themen auch einen unbeschwerten Ausdruck dafür, der eher neugierig-forschend bis spielerisch-heiter wirkt.

Der Liebesakt oder Zeugungsakt lässt sich meiner Meinung nach auch mit dem „Erzeugungsakt“ von Kunst assoziieren, also mit Kreativität per se. Damit ist das Erfassen und das künstlerische Verarbeiten von Themen wie Liebe und Tod, die jeden von uns bewegen, auch eine Form von Überwindung oder Infragestellung der Endlichkeit oder Unheimlichkeit des Todes - „das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“, soll Hippokrates gesagt haben.

Die Ästhetik deiner Papierarbeiten erinnert mich an malerische Zeichnungen oder gezeichnete Gemälde; das genaue, dynamisch wirkende zeichnerische Detail wird durch den malerischen Hintergrund quasi „besänftigt“ und beruhigt. Die Arbeiten wirken damit gleichzeitig anregend und harmonisch. Durch die Komposition mit Farbe und die Betonung von Struktur in der Zeichnung erhalten sie außerdem eine rhythmische Wirkung. Während ich diese bei den „toten Motten“ als sanft, ruhig und irgendwie traumverloren wahrnehme, wirken die Eichhörnchen-Darstellungen quicklebendig und bewegt, oder auch frech und lustvoll-lustig. Diese Eigenschaften weisen beide Tierarten auch in der Natur auf. Du hast sie also nicht nur abgebildet, sondern ihre Charakteristika in Leben und Tod zeichnerisch und malerisch erfasst und dargestellt. Ihre Zustände reflektieren auch ganz generell Ruhe und Aktivität, quasi „Tod und Leben“ im Alltag.

Dazu meine 1. Frage:

1. Deine Arbeiten, so habe ich gehört, wirken durchaus polarisierend auf die Betrachter:innen. Kannst du dir – bzw. uns - die möglichen Gründe dafür erklären?

Was hat dich zu den Sujets der toten Motten und kopulierenden Eichhörnchen inspiriert?

Ich glaube gar nicht, dass ich Tabus breche mit meinen Arbeiten – ein bisschen Sex unter Tieren kann doch heute niemanden mehr ernsthaft empören. Die großen feministischen Künstlerinnen wie Valie Export, Yoko Ono und Carolee Schneemann waren da in den 1970ern schon viel radikaler als ich mit meinen süßen Tieren. Mir geht es aber auch nicht um vordergründige Provokation. Durch meine intensive Beobachtung und Wahrnehmung von der Welt beschäftige ich mich immer wieder mit den großen Themen des Lebens, wie Vergänglichkeit und Lust, Liebe und Tod, das führt mich letztendlich zur Frage nach dem Sinn des Lebens. Das sind große, unbequeme Themen, die man im stressigen Alltag vielleicht gerne verdrängt.

Es geht in meiner Kunst immer wieder um Vergänglichkeit und Tod, um „Vanitas“ und das Gegenteil davon: Lust und Liebe. Weil das Leben endlich ist, sollte man die Zeit nutzen, das Leben genießen und etwas daraus machen, damit sich in der Endlichkeit des Lebens Ruhe und Friedlichkeit und damit eine eigene Schönheit finden lässt.

Auch das Thema Liebe kann sehr unangenehm sein, denn so schön sie ist, so schmerzvoll kann sie auch sein. Das gilt auch für die Themen Sex, Lust und Erotik – selbst wenn meine Eichhörnchen tief im Wald Leichtigkeit und Unbeschwertheit ausstrahlen, können sie auf anderen Wirkungsebenen bei den Betracher:innen anecken. Es ist das alte Spiel mit den Trieben und der Triebbeherrschung, mit unterdrückten Sehnsüchten und Phantasien aller Art.

Ohne ein Klischee bedienen zu wollen, finden sich in meinen Darstellungen auch Verweise auf LGBTQAI+ ... mir geht es auch um die freie Liebe in all ihren Formen und das Unbeschwerte, ohne Urteile und Bewertungen. Solange man den anderen nicht schadet, ist erlaubt, was gefällt. In meiner Kunst kann alles nebeneinander existieren, in Frieden und Lust vereint.

Dazu passt, dass der Mensch bei mir meist aus den Bildern verschwunden ist – den kritisch-beurteilende Blick gibt es nicht, schon gar nicht den „male gaze“. Schönheitsnormen zählen nicht, tief im Wald herrschen Akzeptanz und Freiheit. Der Titel der Serie „Tief im Wald“ deutet einen Ort an, der fern von unserer alltäglichen Welt existiert, außerhalb der Zivilisation, dem menschlichen Blick verborgen und daher noch ursprünglich und unverdorben.

2. Deine Kunst ist.....?

...gestisch, expressiv und sinnlich.

Reine und pure Malerei.

Mal still und sensibel und zart, wie die Motten.

Mal laut und erotisch und voller Lebenslust bei den Eichhörnchen.

...existentiell. Sie beschäftigt sich mit den großen Fragen des Lebens .

Tod und Vergänglichkeit, Eros und Liebe.

...manchmal unbequem, nachdenklich machend, tiefgründig.

...mal leicht, lebensfroh, vergnüglich.

Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:

Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben?

Tiefgründig, phantasievoll, feministisch, leidenschaftlich, neugierig, humorvoll, genießend.

Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?

„Malt, malt! Sonst sind wir verloren“

(frei nach Pina Bausch: „Tanzt, tanzt! Sonst sind wir verloren!“)

Zur 4. Frage:

Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall? Was bedeutet deine Kunst für dich?

Das habe ich im Grunde schon in der ersten Frage beantwortet – meine Kunst ist meine Art, die Welt zu sehen, zu verstehen, meine Art, mich auszudrücken. Durch Bilder, nicht durch Worte.

5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:

Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit? Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?

Ich ging da durch verschiedene Phasen. Zunächst hat es mir sehr gefallen, durch den Lockdown viel Zeit für meine künstlerische Arbeit zu haben - im Atelier ist man ja sowieso in Isolation - oder in langen Nächten alleine zu Hause, mit viel Zeit zum Zeichnen und Ruhe, um neue Ideen entwickeln zu können ohne Ablenkung von außen. Doch dann folgten Absagen von Ausstellungen und Projekten, in die ich schon sehr viel Arbeitszeit investiert hatte. Und im Laufe der Monate wurde mein Hochgefühl weiter getrübt durch das andauernde Getrenntsein von Freund:innen und Kolleg:innen. Ich vermisste die interessanten Gespräche und spontanen Begegnungen, die gemeinsamen Besuche in Museen und Galerien und lange Eröffnungsabende.

Die existenziellen Fragen der Pandemie habe ich in der Zeit auf indirekte Art in meiner Arbeit verhandelt und verarbeitet: in vier Wochen habe ich eine Serie von 200 Hütten aus der ganzen Welt gezeichnet mit schwarzer Tusche auf Papier. So eine Art Cabin Porn. 200 Blätter, auf jedem eine isolierte einsame Hütte in der Natur im Wald, im Dschungel, am Strand, Baumhäuser, Holzhäuser, Tipis und Jurten, Zelte, Blockhäuser, Tiny Houses usw. Sie alle stehen für die Isolation der Menschen generell und für meine eigene Isolation, wie eine Art Grundgefühl, das die ganze Welt und alle Kulturen und Völker einschließt und vereint.

Die Eichhörnchen im Wald habe ich in einer späteren Phase der Pandemie gemalt, um der vorangegangenen melancholischen Phase etwas Schönes, Unbeschwertes entgegenzusetzen. Ich brauchte eine Utopie, eine Gegenwelt, Realitätsflucht zum Vergnügen hin.

Seit dem Sommer 2021 schien das Schlimmste überwunden und anscheinend habe ich die Krise auch genügend thematisiert und mich daran abgearbeitet. Es kommen nun wieder Themen in meine Bilder die ich auch vor der Pandemie hatte, an denen ich dran war und die ich jetzt weiter entwickeln will. Ebenso gibt es ganz neue Themen, auf die ich selbst schon ganz gespannt bin!

6. Welche Frage bewegt dich gerade?

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich intensiv mit Feminismus. 2020 wurde ich in den Vorstand des Frauenkulturbüros NRW gewählt, und seitdem hat sich das Interesse noch verstärkt. Ich lese viel, recherchiere, höre podcasts, auch gerne queer und gay, und folge tollen Feministinnen auf Social Media.

Frauen in Kunst und Kultur sind immer noch benachteiligt, und ich will mithelfen, den Prozess bis zur Gleichberechtigung zu beschleunigen. Dazu nutze ich bestehende Netzwerke und Zusammenschlüsse. Ich habe auch an einem Coaching für Gender-Sprache teilgenommen und an einem Workshop zur Verfassung von Wikipedia-Einträgen über Frauen in der Kunst. Es geht darum, Wege zu finden, wie künstlerisch oder wissenschaftlich tätige Frauen dadurch „sichtbarer“ werden können.

Nun frage ich mich, was ich noch tun kann - wie auf möglichst schnellem Wege viel erreichen, beschleunigen vorantreiben, wie können wir uns noch besser vernetzen, welche Partner:innen brauchen wir, welche Plattformen und Medien?

Und damit verbunden stelle ich mir auch die Frage, ob ich das Thema (stärker) in meine Bilder bringen will oder nicht.

7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?

Statt einer Frage habe ich einen Wunsch an das Publikum: den Wunsch an die Betrachter:innen, sich Zeit zu nehmen, sich mit offenem Geist auseinanderzusetzen mit den Arbeiten, sie wirken zu lassen und darüber nachzudenken, zu reflektieren und sie zu befragen.

Die Betrachter:innen sollen sich ihre eigene Meinung bilden und damit auch persönlich Stellung beziehen.

Und dann würde ich mit der Frage meines damaligen Professors Jörg Immendorff anschließen: „Wo stehst du mit deiner Kunst, Kolleg:in? Wofür stehst du in der Welt?“

Denn die Fragen, die ich an die Betrachter:innen stelle, stelle ich mir auch – wie will ich leben, was ist für mich ein gutes Leben? Was sind meine Ziele? Wo komme ich her, wer bin ich und wo will ich hin?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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