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Interviews

7 Fragen an

Beatrice Richter

Liebe Beatrice,

dein Medium ist die Malerei, doch du erschaffst nicht einfach Bilder, sondern vielschichtige Collagen, die wie plastische Gemälde wirken. Es sind Darstellungen organischer Formen, die an Blumenstilleben aus der Renaissance erinnern, doch im Gegensatz zu diesen altmeisterlichen naturalistischen Vorlagen erschaffst du mit den fantastischen Farben und Formen in deinem Werk schillernde Illusionen von Natur. Deine Collagen zeigen reine frei erfundene künstlerisch gestaltete „Kultur“. Du lässt eine Art „Natur-Kultur-Kontinuum“ entstehen: als künstlerische Kreationen spielen die organisierten botanisch anmutenden Formen in deinem Werk mit der Wahrnehmung der BetrachterInnen. Sie sind Simulacra, i.e. „Traumbilder“ in der hyperrealen Simulation einer vollkommen kultivierten Welt. In Anlehnung an Jean Baudrillards Simulationstheorie könnte man sich fragen, ob in unserer kultivierten Welt voller Illusionen das Simulacrum unsere Wahrheit ist.

Visuelle Kunst beschäftigt sich traditionell sowohl mit Erfassung von Form zur Deutung der Natur als auch für Zwecke der Illusion. Beides kann den BetrachterInnen letztlich zur reflektierten Orientierung in der Welt dienen, denn die Illusion wird zumeist als solche erkannt.

Auf der Art Apart Website bist du mit jeweils drei Werken aus deinen Serien „Tableau“ (7-9 und „Mortalitas“ (2, 15, 20) vertreten. „Tableau“ (frz.) bedeutet im kunsthistorischen Zusammenhang „Gemälde“, das eine scheinbar zufällige Komposition aufweist. Deine „Malerei-Collagen“ aus dieser Serie wecken zusätzlich noch Assoziationen mit der wissenschaftlichen morphologischen Natur-Malerei der Neuzeit, aber sie zeigen komplexe Fantasiegebilde und stellen damit den Wahrheitsanspruch naturwissenschaftlicher Erkenntnis in Frage.

Der Serientitel „Mortalitas“ lässt an Vanitas-Stilleben denken, die den BetrachterInnen Aufforderung zur Reflexion über die eigene Vergänglichkeit sein sollten. Im Gegensatz zu den Werken der Meister des Mittelalters und der Neuzeit wirkt die Verspieltheit der rätselhaft „abstrakt-konkreten“Formen in deinen Werken aber nicht düster und melancholisch, sondern geheimnisvoll und amüsant, ja lebensfroh. Im Gegensatz zur Gravitas der zitierten Vorlagen sehe ich in deinem Werk Leichtigkeit und auch einen heiteren Tiefgang, der Fragen nach Wirklichkeiten aufwirft. Mortalitas bedeutet u.a. auch „menschliche Schwäche“ – vielleicht die Schwäche, Realität(en) zu unterscheiden?

Dazu meine 1. Frage:
Meinst du, Menschen können durch Illusion eine bessere Erkenntnis von Realität(en) erlangen, vielleicht sogar ihre Perspektive auf ihre Umwelt ändern?

Klar, wäre ja schlimm, wenn nicht! (lacht)
Realitäten formen sich (auch) aus Perspektiven.

Bei mir im Atelier waren auch schon BiologInnen, die beim Anblick meiner Arbeiten angefangen haben die Gebilde zu decodieren, zu kategorisieren, die sich für meine Sujets interessieren, weil sie so ihnen so bekannt, und doch ganz anders sind (als ihre Realität).

(Wie) könnte Kunst uns dabei helfen?
Kunst kann das sowieso, aber die Frage ist, ob die Menschen bereit sind, das zu erkennen. Ist die Bereitschaft da, die Realitäten zu hinterfragen, besonders wenn sie irritierend wirken? Es liegt am Menschen. Kunst kann das, das steht für mich außer Frage.

2. Deine Kunst ist.....?
...meine eigene Realität, meine Wahrheit. Ein gutes Bild ist dann gut, wenn es mich irritiert, weil mir vorher nicht klar ist, was es wird. Diese Irritation ist der Grund, warum ich immer wieder neue Bilder male. Ich will davon so angesprochen werden, dass ich den Entstehungsprozess vergesse und später nicht mehr nachvollziehen kann. Dann bin ich auf einer anderen Ebene (im Flow), ich höre auf nachzudenken, was ich wann warum mache.

Für die Intensität meiner Arbeit ist tiefes Schwarz unersetzbar (z.B. für die hinter Glas gemalten Passepartouts der Serien Coryphoideae und Arecoideae). Meine über die Jahre erarbeitete Handschrift weist eine gewissen Ästhetik auf, das ist aber nicht Selbstzweck.

Meine Kunst ist nicht auf Kategorisierung abgezielt. Die Komposition entwickelt sich intuitiv, ohne vorherige Skizzen oder Pläne und entwickelt sich aus dem Prozess heraus. Die einzelnen Schritte in der Collage sind relativ lange revidierbar, bis ich eine finale Entscheidung über die Komposition fälle, da ich vom Positiv ins Negativ arbeite, bis durch die vielschichtige (schwarze) Übermalung Spuren sichtbar bleiben.

Es geht auch um Konservierung: im künstlerischen Kontext geht es mir darum, die Zustände, die ich selber nicht kenne, zu suchen, zu erfassen und festzuhalten, Dinge zu sammeln und zu konservieren. Dabei treibt mich kein bewusster Wunsch nach Erkenntnis an. Selbstreflexion spielt im Arbeitsprozess keine Rolle, da ist die Malerei Selbstzweck. Ich kann mein Werk abgekoppelt von meiner Person sehen. Weiterentwicklung ist mir wichtig – jede neue Arbeit muss einen Schritt weiter gehen!

Die 3. 2teilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:
Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben?

Genügsam, zielstrebig, stur, gut organisiert, (selbst-) kritisch.

Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?
Ich habe kein Motto aber die Kunst ist Plan A. Plan B existiert nicht!

Zur 4. Frage:
Was bedeutet deine Kunst für dich persönlich?

S. Frage 3– Die Kunst ist meine Konstante, die hoffentlich bis zum Schluss bleibt. Meine künstlerische Arbeit ist für mich das nachhaltigste Lebenskonzept, das ich mir für mich vorstellen kann.

5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage:
Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit?

Beeinträchtigend finde ich, dass die RezipientInnen fehlen! Das Zeigen der Werke an Ausstellungsorten.
Aber vielleicht hat man als KünstlerIn eher die Fähigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen, weil diese von Anfang an im Künstlerberuf vorhanden sind.

Beeinflusst hat mich die Tatsache, dass plötzlich viel Zeit (und weniger Druck) da war, eine Art Stillstand eintrat. Die Ruhe habe ich dann wie viele KollegInnen genutzt, um neue Materialen auszuprobieren und zudem habe ich im Herbst ein Projektstipendium (zur Unterstützung von KünstlerInnen in der Corona-Krise) bekommen, das war zur Finanzierung dieser Materialien sehr hilfreich. Und so habe ich dann seit langer Zeit (um genau zu sein seit 7 Jahren) angefangen meine Arbeitsweise (und die biomorphen Strukturen) vom Papier auf die Leinwand zu transportieren. Jetzt grade (Ende Dezember) sehe ich die ersten „Resultate“ dieser Experimentierphase und ich bin sehr zufrieden, das gibt mir Halt und Zuversicht für’s neue Jahr.

Zudem habe ich im Sommer einen Instagram-Kanal eingerichtet, das war ein echter Auswuchs der Pandemie!

Wirst du die Pandemie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?
Corona wird als Thema oder Sujet nicht in mein Werk einfließen, schon deshalb nicht, weil ich dieser Realität lieber entfliehe. Kunst ist ja auch die Möglichkeit zur Flucht aus der eigenen Realität.

Selbst Viren durch Mikroskope und deren Strukturen, die meiner Arbeit vielleicht noch nahe kämen, passen eher nicht, weil das zu geplant wäre. Ein Viren-Tableau wird es also voraussichtlich nicht geben (lacht).

6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Dies knüpft an meine Arbeitssituation in der Pandemie an – es geht darum, die Zeit zu nutzen, Neues auszuprobieren, und die Chance (des Stillstandes) wahrzunehmen, um sich selbst auch aus der Komfortzone zu bewegen.
Die malerischen Entscheidungen, die beim Erstellen der Collage herausgezögert werden können, müssen auf der Leinwand in wenigen Sekunden getroffen werden und wenn ich Schritte revidiere, bleiben Spuren bei der Übermalung (da Tusche nicht komplett übermalt werden kann).
Eine Frage in dem Kontext wäre: „Wie finde ich mich selber auf der Leinwand wieder?“

7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Die RezipientInnen, die auf die online-Galerie stoßen, würde ich gern fragen, was sie sich wünschen würden, um die Hürde zwischen online und Realität noch besser zu überwinden.
Was braucht es dafür?
Was wünschen sich die BetrachterInnen, die in eine online-Galerie schauen sonst noch um eine möglichst genaue Vorstellung der abgebildeten Kunst zu bekommen?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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