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Interviews

7 Fragen an

Antonia Gruber

Liebe Antonia,

dein Medium ist die Fotografie, genauer gesagt Digitalfotografie. Die Arbeiten, mit denen du bei Art Apart vertreten sind, stammen aus deiner „T.T.C. Serie“. Es handelt sich dabei um digitale Portraitaufnahmen in avantgardistisch wirkendem Schwarz-Weiß, die du analog manipuliert hast. Sie erscheinen zerknittert, zerrissen und neu zusammengesetzt und sie erinnern an Reflektionen in einem zerbrochenen Spiegel.

Durch diese Behandlung wirken die Portraits einerseits deformiert, andererseits zeigen sie sich gleichzeitig in vielen Perspektiven, ähnlich wie bei kubistischer Malerei. Doch im Gegensatz zur kubistischen Malerei, die den Körper in Bewegung erfassen will, geht bei dir der Blick darüber hinaus, er geht nach Innen, auf die innere Bewegung oder Bewegtheit der fotografierten Person. Die Fotografie zeigt zwar die äußere Hülle, doch verweist sie auch auf die innere Bewegtheit und emotionale Zustände, die beispielsweise durch (unbewusste) Mimik für flüchtige Momente wahrnehmbar werden. Diese Flüchtigkeit drückst du mit deinen manipulierten Portrait-Fotografien aus und hältst sie fest für die „Ewigkeit“, du stellst eine innere und äußere Zerbrechlichkeit dar.

Du nutzt das Medium der Fotografie, dem das Image der „Abbildung von Wahrheit“ zugeschrieben wird, um etwas quasi Unsichtbares sichtbar zu machen – Eindrücke und Gefühle, emotionale Zustände, die uns alle prägen und mitunter nachhaltig verändern. Im Giftshop sind Arbeiten von dir aus der Serie „Artvertising“ erhältlich. In dieser Serie entsteht Bewegtheit und auch Verzerrung durch den vibrierenden Farbeffekt, der einen Eindruck von Plastizität erzeugt und auf die BetrachterInnen ein wenig so wirkt, als hätten sie ihre 3D-Brille vergessen. Damit erzeugen sie unmittelbare Aufmerksamkeit, sie machen „Werbung“ für sich. Die verfremdende Wirkung der Farbe in diesen Werken stellt ebenfalls wieder den Anspruch der Fotografie auf einen objektiven Wahrheitsgehalt in Frage. Roland Barthes bezeichnete diesen ohnehin als das „photographische Paradox“ (vgl. BARTHES, Roland: Rhetorik der Bilder in: Der entgegenkommende und der stumpfe 1 Sinn, Frankfurt am Main 2019, S. 78.): das fotografische Bild ist nicht „das Wirkliche“, sondern „das perfekte Analogon davon“ – „es ist eine (kontinuierliche) Botschaft ohne Code“, so Barthes. Mit deiner Fotokunst fügst du den Code hinzu, und ganz bewusst ist er nicht eindeutig lesbar, sondern vielschichtig, rätselhaft und prozessual veränderlich, analog zum Menschen und seiner Welt und zum Wesen des Menschen selber.

Dazu meine 1. Frage: 1. Die Ästhetik deiner Fotografien, besonders in den Werken aus der T.T.C.-Serie, ist mitunter verstörend. Die Portraits wirken teils wie zerschnitten und entstellt oder zerfliessend, gequält. Einflüsse aus unserer Umwelt, durch Politik, Gesellschaft, Sozialleben etc. können auch verstörend wirken.
Zeigen deine Bilder Momentaufnahmen eines Prozesses im Wandel oder steht jedes für sich für einen bestimmten Zustand? Spiegeln deine Portraits das menschliche Innere per se oder steht die scheinbare Qual in ihrem Ausdruck immer im Kontext mit den äußeren Zuständen?

Die Serie T.T.C. ist eine fotografische Auseinandersetzung der physischen und psychischen Fragilität des Menschen. Die Bilder verdeutlichen die Kluft zwischen Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung. Im Gegensatz zum klassischen Schwarzweißportrait, bei dem die Charakterzüge des Portraitierten in die schwarzweißen Tonwerte übertragen werden, zeigen diese Portraits keinen Charakter oder Individuen. Bei den überlebensgroßen, deformierten Schwarzweißportraits, handelt es sich um frei konstruierte Bilder dessen Akteure mehr als innere Zustände denn biologische Wesen zu verstehen sind. Der Fokus liegt auf dem von der Öffentlichkeit absichtlich verborgenen Teil, die Erforschung des öffentlichen und privaten Seins, das Gefühl innerer Zerrissenheit sowie der der sozialen Rolle der Frau. Die sorgfältig gesetzten Deformationen sind Ausdruck emotionaler Ausnahmezustände. Diese spiegeln jedoch nicht pro Bild einen bestimmten Zustand wieder, sondern viel mehr das Gefühl welches damit einher geht.


2. Deine Kunst ist.....?
… Erkundung und Darstellung innerer Zustände im Bezug zur Materialität. Vielschichtig und experimentell - ein Wechselspiel zwischen digital und analog. Deformation und Abstraktion hervorgerufen durch den physischen Eingriff im Bild. Die 3. zweiteilige Frage ist gar keine, sondern eher eine persönliche Vorstellung für dein Publikum bei Art Apart:


Wie würdest du dich in 7 Worten (oder weniger) beschreiben?
zielstrebig, pedantisch, selbstkritisch, fleißig, motiviert.


Was ist dein Motto bzw. dein Mantra?
- „So ein Pech! Los, gleich nochmal!“ - „Kunst darf auch mal wehtun!“


Zur 4. Frage: Spiegeln sich in deinen hier gezeigten Werken auch persönliche Fragen? Wenn ja, inwiefern ist das der Fall?
Inspiration für meine Arbeit ziehe ich aus den Einflüssen, denen wir Menschen täglich ausgeliefert sind und die uns auf unterschiedliche Weise in unserem Sein beeinflussen, manipulieren und prägen. Daher würde ich sagen, dass ich mich zwangsläufig mit persönlichen Fragen beschäftige.


Was bedeutet deine Kunst für dich?
In erster Linie bedeutet sie für mich Freiheit. In meinen Bildern kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen und mich ausdrücken ohne sprechen zu müssen. Die Kunst gibt mir Sicherheit, sie ist mein ständiger Begleiter. Meine destruktive Arbeitsweise fungiert als Ventil. Das Gefühl sich bis zur Selbstaufgabe im Prozess verlieren zu können hat etwas von Selbstgeißelung, zugleich ist die Kunst der treibende Motor. Meine Motivation - der Grund immer weiter zu machen.


5. Die große Zäsur des 21. JH ist die aktuelle Pandemie, die existenzielle Fragen erneut in neuem Kontext und neuen Perspektiven wachruft. Deshalb stelle ich auch hierzu eine (mehrteilige) Frage: Inwiefern beeinträchtigt oder beeinflusst die aktuelle Pandemie-Situation deine Arbeit? Wirst du sie in deiner Kunst verarbeiten? Wenn ja, weißt du schon, auf welche Weise?
Die Pandemie hat mich erstmals dazu gebracht, mich zu fragen ob die Kunst wirklich der richtige Weg sei. Zu Beginn war ich wie gelähmt und Existenzängste machten sich breit. Auf die erste Phase des Stillstands folgte extreme Produktivität. Dafür ich bin ich sehr dankbar. Jede Krise birgt auch Chancen. Ob ich die Pandemie visuell verarbeiten werde ist eher fraglich. Es bleibt abzuwarten, in jedem Fall ist es eine prägende Zeit welche nicht spurlos an uns vorbeizieht.


6. Welche Frage bewegt dich gerade?
Wieso hat ein Tag nur 24 Stunden?


7. Welche Frage(n) hast du an dein Publikum hier auf Art Apart?
Was bewegt euch?

7 Fragen an…
… ist eine feste Rubrik. Immer sieben Fragen, immer dieselben: die Antworten so divers wie die Künstler:innen die Euch in unserem Magazin Rede und Antwort stehen.
Idee und Umsetzung Tatjana Nicholson

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