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Ausstellungen

scratches on the surface

Johannes Hermann, Minju Kang, Fabian Sokolowski

Der AStA der Kunstakademie Düsseldorf betreibt einen Ausstellungsraum in einem Hinterhof auf der Oberbilker Allee, was ein bisschen wie ein kleines Geheimnis erscheint, das man entweder bisher übersehen hat, oder was vielleicht bewusst ein Stück zurückgehalten wurde. Tatsächlich spielen beide Faktoren eine Rolle, wie Tim Thomczyk vom Organisationsteam des Ausstellungsraumes und AStA-Mitglied, und ausstellender Künstler Fabian Sokolowski anlässlich eines Rundganges durch die Ausstellung scratches on the surface (6.6. – 13.06.) erzählen. Der sich im Erdgeschoss eines eingeschossigen Gebäudes zwischen einer Autowerkstatt und einer Import-Export-Firma befindende hell ausgeleuchtete Raum mit Betonwänden und -fußboden ist in erster Linie als freie Experimentierfläche für Künstler:innen der Akademie gedacht. Schon der Begriff „kuratorisch“ gefällt Tim und Fabian nicht in Zusammenhang mit den dort stattfindenden Ausstellungen. Denn weder gibt es irgendwelche inhaltlichen Vorgaben, noch sind die dort stattfindenden Ereignisse als nach Außen gerichtete, die Künstler:innen „sichtbar“ machende Repräsentationen gedacht. Wenn es ein Konzept gibt, dann, dass hier sich frei untereinander organisierende Gruppen von Student:innen der Kunstakademie in Timeslots von jeweils zwei Wochen erste Erfahrungen im Ausstellen sammeln, ganz nach ihren eigenen Ideen und Bedürfnissen. Tim und sein Team stellen dann lediglich den Raum zur Verfügung und helfen bei der Logistik und Kommunikation. In einer über-kuratierten Kunstwelt, die ständig nach neuen aufstrebenden Talenten lechzt, berührt mich dieser solidarische und sämtlichen Druck außenvorlassende Ansatz wirklich, auch wenn die für alle offene Liste des Raumes eine lange Wartezeit hat.

scratches on the surface bringt mit Johannes Hermann, Minju Kang und Fabian Sokolowski drei sehr diverse, jeweils ganz eigene Wege verfolgende malerische Positionen zusammen, die sich spannend ergänzen, aber auch voneinander absetzen. Die Bilder sind untereinander abwechselnd ringsum an den Wänden des Ausstellungsraumes gehängt. Nur die vier tragenden Betonsäulen in der Mitte des Raumes versperren teilweise den Blick. Wie Fabian als Mitorganisator der Ausstellung erklärt, haben alle Positionen die Erprobung von Techniken, Konventionen und Themen der Malerei gemeinsam, doch ist auch jede:r Künstler:in hier eigenständig mit ihrem:seinem individuellen Ansatz und der sich daraus entwickelten Motive repräsentiert.

Johannes Hermann (* 1982) begegnet einem mit zwei Werken in der Ausstellung, einem an der rechten Seite des Raumes Richtung Fensterfront gehängten, fast gänzlich in Rot gehaltenen Bild („The Red“, 2021) und einem mittig an der linken Wand platzierten Triptychon mit sich ergänzenden Motiven („zeroSum“, 2018). Johannes beschäftigt sich mit basalen Prinzipien der Malerei, die er in der Kombination von Flächen und Linien auf eine sehr mutige Art und Weise erforscht. Im ersten Bild laufen weiße Linien auf rotem Grund in einer Ecke zusammen und schaffen so die Illusion eines Raumes. Ein Ausschnitt mit einem Baum suggeriert ein Fenster, all diese Elemente finden jedoch nicht stimmig zusammen. Johannes Bilder scheinen beinahe Fehler machen zu wollen, um auf den konstruierten Charakter der „Gesetze“ der Malerei hinzuweisen. Auf ähnliche Weise funktioniert auch das Triptychon, auf dem man zunächst jeweils einen schwarzen abstrakten Körper mit Rundungen und groben Konturen vor grauem Hintergrund erkennt. Mit einer grünen, einer gelben und einer roten Farbfläche an unterschiedlichen Stellen bilden die Objekte dann schließlich Ansichten von Ampellichtern. Sehgewohnheiten werden so auf eine gekonnt schlichte Weise ausgetrickst.

Minju Kangs (*1993) Bilder bedienen sich so sehr aus dem Momenthaftem der Fotografie, dass eine direkt am Fenster an der linken Raumseite mit Passepartout und schwarzen Rahmen eingefasste Arbeit tatsächlich wie ein Foto wirkt. Das Bild („Drink beer“, 2020)ist ein Selbstportrait der Künstlerin, die sich in einer verdunkelten städtischen Umgebung mit Straßenlaternen und Bäumen perspektivisch angeschnitten auf Brusthöhe im Vordergrund befindet und in einer lockeren Bluse gekleidet und mit einer Getränkedose in der Hand den Blick in die Weite richtet. Als beiläufiger Moment, wie im Vorbeigehen aufgenommen, wirkt das Bild wie ein Schnappschuss. Minjus Malereien sind unabhängig vom konkreten Motiv durch eine starke Bildfindung geprägt, die sich häufig durch eine gewisse Melancholie auszeichnet. Die selektive und von der Stimmung ambigue Augenblicklichkeit ihrer Bilder reflektiert so auch die Welt der sozialen Medien mit ihrem arbiträren Charakter. Mit dieser unbestimmbaren Melancholie mischt sich bisweilen auch ein markanter Humor. In einem großformatigen Gemälde stürzt man als Betrachter:in nahezu in eine im Bildvordergrund sich tummelnden Gruppe von eine:n direkt anstarrenden Alpakas; diese mit ihrem notorisch lächelnden Gesichtsausdruck niedlichen, aber auch schwer einschätzbaren Tiere (,,Alpaca“, 2020). Besonders rätselhaft ist die Autonomie der Alpakas in ihrer Umgebung, ein mit Lichterketten geschmückter und mit Graffiti besprühten Containern und Wänden eingegrenzter, aber sonst menschenleerer Platz. Als „komische Versetztheiten“ bezeichnet Fabian diese Szenen, die, wie auch das Bild eines hundeähnlichen, den Betrachter selig anlächelnden weißen flauschigen Wesens, das von einer nur in Rückansicht zu sehenden jungen Frau durch dunkle Straßenzüge einer vermutlich amerikanischen Stadt geführt wird, einem bestimmten Bildarchiv entstammen zu scheinen, aber doch nicht ganz von dieser Welt sind.

Fabian Sokolowskis (*1997) abstrakte Malereien arbeiten mit Flächigkeit, den Möglichkeiten des Farbauftrags und den Gesetzen des Bildraumes. Die Bilder scheinen aus unendlich vielen Ebenen zu bestehen, die aber alle im Blick des:der Betrachtenden auf einer Oberfläche zusammenkommen. Die freie Fläche und pastös erscheinender, verwischter heller Farbauftrag scheinen als konstituierende Prinzipien das Verhältnis von Grundierung und Vordergrund umkehren. Fabians Bilder haben so auf den ersten Blick eine zurückhaltende Art, wandeln sich aber mit dem Entdecken starker geometrischer, durch harte und präzise Konturen gekennzeichneter Elemente, wie ein Rechteck in Ockerfarbe, markante, wie Schlitze wirkende Farbstriche oder balkenähnliche Strukturen oben und unten auf der Bildfläche („gelbes Geschenk“). Das Angedeutete, Zeichenhafte spielt auch eine große Rolle: eine sich aus einem horizontalen roten Strich entwickelnde rote Form erinnert etwa an ein liegendes B („ohne Titel (Beta)“), frei auf der Bildfläche tanzende schwarze Striche testen sich als Buchstaben oder Schriftzeichen aus. Fabian gefällt die Idee der Offenheit des Bildes, seine Malereien sieht er in erster Linie als Diskussionsgrundlage, die nie etwas Endgültiges oder Abgeschlossenes zeigt. Inspiriert durch die Arbeit in der Druckwerkstatt der Kunstakademie, wo die Fließe immer wieder individuelle „Fehler“ auf den Erzeugnissen hinterließen, versteht Fabian seine Bilder als momenthafte Konstellationen verschiedener Prozesse und somit Reflexion über die Malerei. In einem Nebenraum wird seine Videoprojektion „I Never Stole From That Tree“ gezeigt, in der verschiedene Videosequenzen aus angeeignetem Material aus dem Internet zusammengefügt sind, darunter hauptsächlich Aufnahmen von brennenden oder auseinander fallenden Windrädern, Kamerafahrten durch Ölpipelines und das Schweißen von Rohrnähten sowie Naturaufnahmen aus Computerspielen in simpler Grafik. Fabian behandelt hier in ungewohnten Bildern größere Themen wie Ökologie und die politische Diskussion um erneuerbare Energien. Die an einem zu hohen Winddruck zerberstenden Windräder fungieren als Symbol für das Verhängnis des technischen Fortschritts, der die einzige Lösung, aber gleichzeitig auch die Ursache für unsere Probleme ist.

Schon in kurzer Zeit werden die Malereien von Johannes, Minju und Fabian, die alle gegenseitig zu scratches on the surface zusammen gefunden haben, wieder abgehängt und das nächste Student:innenteam den Raum übernehmen. Auf welche Weise und wie sehr diese für ihre Ausstellung werben, auch das bleibt den jeweiligen Gruppen selbst überlassen. Und vielleicht lässt es sich so am besten zusammenfassen: der AStA Ausstellungsraum der Kunstakademie Düsseldorf ist eine Plattform für Studierende, die etwas bietet, was man sonst so kaum findet: Öffentlichkeit UND Schutz. Deswegen verlasse auch ich Tim und Fabian mit gemischten Gefühlen, denn ein Hype ist das Letzte, was dieses großartige und wichtige Projekt verdient.

Unter Besprechung findet ihr Ausstellungsrezensionen aller Art – sei es die Blockbuster-Ausstellung in der großen Institution, oder die im kleinen Offspace, der junge Positionen zeigen und fördern möchte. Lokale und umliegende Ausstellungen in Düsseldorf und im Rheinland werden hier gesammelt und machen Lust auf einen Besuch der hier besprochenen Shows.

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