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Ausstellungen

Journey Through A Body

Kate Cooper, Luki von der Gracht, Christina Quarles, Nicole Ruggiero, Tschabalala Self, Cajsa von Zeipel

Die Frage nach dem Blick, den die Gesellschaft auf Körper richtet, und wie sich vor dem Hintergrund dieser Perspektiven verschiedene Identitätsentwürfe und Genderwahrnehmungen im Ausstellungsraum repräsentieren lassen, steht im Zentrum der von Alicia Holthausen und Gregor Jansen kuratierten Ausstellung der Kunsthalle Düsseldorf Journey Through A Body. Fünf junge internationale und diverse Künstler:innen teilen in einem stilistisch vielfältigem Spektrum von Arbeiten eigene Erfahrungen mit der Definition des Selbst mit. In einem Umfeld sich beständig verschiebender gesellschaftlicher Debatten zu Konzepten von Geschlechtsidentität(en) und sich damit abwechselnder Erlebnisse von Ein- und Ausgrenzung, formulieren die Künstler:innen in ihren Werken vorläufige Anhaltspunkte, die den Betrachter:innen ein diverses Spektrum an identitäts- oder geschlechtsbezogener Wahrnehmung zugänglich machen.

Die in Los Angeles lebende Künstlerin Christina Quarles sieht in ihren sowohl geschlechtlich als auch von der Herkunft her neutralen, in sexuell erscheinende, aber letztendlich schwer identifizierbaren gegenseitigen Handlungen verschränkten und von der Mimik her ausdruckslosen gräulichen Figuren einen Ausdruck für ihre persönlichen Erfahrungen. In vielerlei Hinsicht „fluide Körper“, manche mit menschlichen Zügen, andere in Form von Objekten, bevölkern in einem spielerischen wie ernsten Reigen die Malereien, die auf einer eine tapezierte Raumwand nachahmenden und in der großen Ausstellungshalle aufgebauten Staffage angebracht sind. Die Künstlerin beschäftigt sich auch mit ihrer eigenen Erfahrung von White Passing sowie ihrer queeren Identität. Ihre unbestimmbaren Figuren scheinen damit auch auf die persönliche Situation hinzuweisen, sich zwischen Konzepten und Identitäten zu befinden.

Cajsa von Zeipel
X plus X equals x, 2021
Foto / Photo: Katja Illner

Cajsa von Zeipel, eine in New York lebende schwedische Künstlerin, hat für die Ausstellung eine deckenhohe Metallstange installiert, an der zwei überlebensgroße weiblich lesbare Figuren in freizügiger und eng anliegender Kleidung, die Körper unbequem ineinander verschränkt, wie an einer Poledance-Stange kreisen. In ihren an Manga erinnernden Farbtönen Lila, Pink und Blau, gefärbten Haaren, Make-Up, Piercings und modischen Accessoires bilden die Figuren durch ihren speziellen visuellen Populärkultur-Code ein jugendliches, aber auch seltsam wirkendes Paar. Die beinahe unheimliche körperliche Realistik und die wachsähnliche Hautoberfläche sowie medizinische Apparate und Plastikschläuche, durch welche die beiden Figuren verbunden sind, lösen einen unheimlichen Eindruck aus. Als vielleicht irgendwann in der Zukunft möglicher Zeugungsakt zwischen zwei Frauen ist die Skulptur angelehnt an den unerfüllten Kinderwunsch der Künstlerin und ihrer Partnerin, der ohne männliches Genmaterial abhängig ist von einem ethisch (noch) verbotenen genetischen Klonverfahren.

Den Großteil der Fläche der Empore nehmen die Collagen, Skulpturen und eine zeichnerische Mediainstallation von Tschabalala Self ein. Die großflächigen, gemäldeähnlichen Werke in Mischtechnik aus aneinander gefügten Stofffragmenten und Farbflächen der Schwarzen Künstlerin aus New York mimen stereotype Bilder Schwarzer Körper nach. Die weiblichen und männlichen Figuren sind alle mit kräftigen Rundungen, markanten Gesichtszügen und in oft freizügigen Posen dargestellt, die ihre Geschlechtsmerkmale zur Schau stellen. Was Tschabalala Self zeigt, ist der westliche, durch koloniale Imagination geprägte Blick auf Schwarze Körper, welcher so überzogen und rassistisch erscheint, dass er weh tut. Neben der Aufdeckung dieser Stereotype des weißen Blickes nehmen die Bilder auch eine affirmative und positive Haltung ein. In der Wiederaneignung der Bilder können Stereotype auch benutzt und die Kontrolle über die Deutung zurückgewonnen werden. So präsentiert eine in einfachen farbigen Konturen gezeichneten Frau im Video „My Black Ass“ (2018) in einer Trickfilm-ähnlichen Folge sich überschneidender Zeichnungen in Vor- und Rückansichtihren um den Po zentrierten Körper.

Installationsansicht Tschabalala Self - Kunsthalle Düsseldorf
Foto / Photo: Katja Illner

Der:die Absolvent:in der Düsseldorfer Kunstakademie Luki von der Gracht hat hinter einer mit Ziegelbekleidung tapezierten eingebauten Wand eine ganz eigene Atmosphäre für seine:ihre zehn Werke geschaffen. Darunter befinden sich grafische Tuschemalereien in Graffiti-Stil und ebenso poetisch erscheinende, teils wie gemalt anmutende großformatige fotografische Inkjet-Drucke. Atmosphärisch begleitet von einer Sound-Installation, haben die Werke und ihr gesamter Raum einen sehr persönlichen Bezug. Luki von der Gracht spielt hier auf den Außenraum der Straße an, in dem er:sie sich eigentlich sehr wohl fühlt, in welchem er:sie dennoch seine:ihre queere Identität meistens nicht frei ausleben kann. Fotografien kunstvoll zusammengefalteter Briefe, aus denen auch mal eine fast vollständig verdeckte, auf ein Auge reduzierte Gesichtspartie von einem Foto des:der Künstler:in hervorsticht, weitere reduzierte, teils aus Selbstporträts zusammengesetzte Fotocollagen sowie mitSchriftzügen bemalte Leinwände eröffnen einen Einblick in das Bewusstsein des:der Künstler:in, der:die sich den Betrachter:innen jedoch in seiner:ihrer rätselhaften, verdeckten Bildsprache nie vollständig erschließt.

In den Ausstellungsräumen links der großen Halle ist auf einer raumeinnehmenden Leinwand eine Videoarbeit der britischen, in London lebenden Künstlerin Kate Cooper aufgebaut. Darin zu sehen ist eine Avatar-ähnliche junge Frau, die sich in einem Ganzkörper-Bodysuit, der sich abwechselnd zu einem muskulösen Körper aufbläst und dann wieder wie ein Vakuum eng an die Trägerin ansaugt, durch einen unspezifischen leeren und scheinbar grenzenlosen weißen Raum bewegt. Was „Infection Drivers“ (2018) so anziehend macht, ist die starke, durch quietschende und raschelnde Töne der Körper- und Folienbewegung untermalte simulierte Haptik. Das reizvolle, aber auch beengende Tragegefühl eines ständig zwischen stereotyp maskulin und feminin changierenden körperengen und sich dann muskulös aufblasenden Ganzkörperanzugs wird durch die Bewegungen der Frau, die die Umgebung mit diesem Anzug erkundet, nahezu fühlbar gemacht. Durch Verletzungen im Gesicht angedeutete Zeichen von Gewalt und eine durch das Abtasten unsichtbarer Wände simulierte Atmosphäre von Isolation und Hilflosigkeit, die jedoch nicht eindeutig mit der Mimik des Avatars korrespondieren, scheinen metaphorisch für eine in Widersprüche gefangene Selbstfindung zu stehen.

Selbstfindung, jedoch auf einem ganz anderen Gebiet als in den bisherigen Arbeiten, spielt auch in der mit VR-Technologie verbundenen Porträt-Serie „How the Internet changed my Life“ der New Yorker Künstlerin Nicole Ruggiero eine zentrale Rolle. In den sieben Fotografieren treten Personen der Generation der Digital Natives in Aktivitäten mit an Schaufensterpuppen gleichenden Avataren auf, die jeweils zeigen, auf welche Weise das Internet ihre persönliche Lebens- und Freizeitwelt geändert hat. In den bunt ausgeleuchteten und poppig dekorierten, ein wenig an die popkulturelle Ästhetik der 2000er Jahre angelehnten Innenräumen werden Selfies mit Teddybären gemacht, Socializing betrieben und Musik komponiert; eine junge Frau posiert als Cam-Girl vor einem Webcam-Avatar. Der Clou sind die mit einer Brille erfahrbaren VR-Animationen, die in den Bildern versteckt sind, wie fliegende Torten oder CDs. Die Bilderserie an sich mag verspielt und harmlos erscheinen, doch macht Nicole Ruggiero hier als Angehörige jene Generation darauf aufmerksam, dass für viele junge Menschen bereits der digitale Raum des Internets, mit all seinen Möglichkeiten und Gefahren, einen genauso wichtigen Einfluss auf die Findung der eigenen Identität hat wie das reale Umfeld.

Gemeinsam mit der im gleichen Gebäude zu sehenden Ausstellung FEELINGS THAT MOVE NOWHERE von Vika Kirchenbauer und die Ausstellung Journey Through A Body aus zwei verschieden Perspektiven einen umfassenden Blick auf Fragen, in denen wir bisher nur in kleinen oder zögerlichen Etappen vorankommen. Während die Künstler:innen in Journey Through A Body Themen der Identitätsfindung von der Oberfläche ihrer Erscheinung aus analysieren, untersucht Vika Kirchenbauer, wie unsere gesellschaftlich trainierte Sichtweise Subjekte erst (mit)konstruiert. In beiden Fällen befinden wir uns als Betrachter:innen auf einem unbekannten und in vielen Teilen unerschlossenen Feld, welches seine eigenen Regeln hat, aber auch zur spielerischen Selbsterprobung einlädt.

Nicole Ruggiero
How The Internet Changed My Life, 2021

Fotografie, Virtual Reality, Multimedia
© Nicole Ruggiero, Daniel Sabio, Dylan Banks

Foto / Photo: Katja Illner

Unter Besprechung findet ihr Ausstellungsrezensionen aller Art – sei es die Blockbuster-Ausstellung in der großen Institution, oder die im kleinen Offspace, der junge Positionen zeigen und fördern möchte. Lokale und umliegende Ausstellungen in Düsseldorf und im Rheinland werden hier gesammelt und machen Lust auf einen Besuch der hier besprochenen Shows.

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