Magazin

Ausstellungen

DIE GROSSE

Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen e.V.

Seit dem 20. Juni bis zum 25. Juli hat wieder DIE GROSSE Kunstausstellung im Kunstpalast und diesmal auch NRW-Forum geöffnet. Nachdem coronabedingt ein Jahr Pause war, heißt es wieder entdecken, staunen, schmunzeln – und zuschlagen! Denn nicht wenige der Besucher:innen sind auf der Suche nach neuen und etablierten Talenten unter den Künstler:innen, deren Werke alle zu erwerben sind, und die eine jedes Jahr neu besetzte Jury auswählt. 167 Positionen sind es dieses Jahr, selektiert aus mehr als 1000 Bewerber:innen, mit einem Schwerpunkt auf Malerei und Fotografie, wobei auch Skulptur und Grafik vertreten sind, Videokunst hingegen zu einem geringen Anteil. Ein wichtiges Kriterium dieser „größten von Künstlerinnen und Künstlern für Kolleginnen und Kollegen organisierte Ausstellung in Deutschland“ ist der Bezug zum Bundesland NRW. Was man in dieser vielfältig und erfrischend frei zusammengestellten Schau gar nicht bemerkt, ist ihre lange Geschichte. Schon seit 119 Jahren organisiert der im Jahr 1900 gegründete VzVK e.V. (Verein zur Veranstaltung von Kunstausstellungen) DIE GROSSE als Austausch und Begegnungsplattform zwischen jungen und renommierten Künstler:innen und Kunstinteressierten und Käufer:innen.

Die auf zwei riesige Säle in der 1. Etage und im Erdgeschoss des Kunstpalastes sowie erstmalig auch in im NRW-Forum zu sehenden Ausstellung lässt einen ein wenig hin- und hergerissen. Die Fülle und Vielfalt der Werke, die mal sich ästhetisch und formell ergänzend, mal aber auch in spielerischen Gegensätzen gehängt sind, mit großzügig Platz zur Orientierung und visuellen Erholung, beeindruckt und macht Freude. Der fehlende konzeptuelle Leitfaden überfordert auch schnell und man fühlt sich gedrängt, vor dem Hintergrund der eigenen begrenzten Aufnahmefähigkeit, zwischen den Werken entscheiden zu müssen. Im Rundgang fühle ich mich dieses Mal seltsamerweise immer zu einem ähnlichen Typus Werk hingezogen: spritzige, skurrile und farbige Szenen, Bilder von inneren und äußeren Landschaften aber auch surreale und ambigue Momente, mit einem Hauch Melancholie. Schnell merke ich, dass es diese seltsame Befindlichkeit einer mit dem Sommer und all seinen leuchtenden Versprechungen verbundenen vagen Sehnsucht ist, welche meinen entdeckenden Blick steuert. Ein Gefühl, das nach vielen Monaten des reduzierten Lebens nun omnipräsenter denn je ist. Angeleitet von dieser Perspektive möchte ich im Folgenden ein paar Positionen vorstellen, die als Bilder von Zuversicht, Freude aber auch unerfüllten Verlangen in meinem Bewusstsein hängen geblieben sind.

Ganz sehnsuchtssommerlich spricht mich als Erstes ein Bild der Künstlerin Mimi Lenz (geboren 1951) von einem bestickten gelb-goldglänzenden Rockes vor einem historischen gräulichen Tapetenmuster besonders an („Gelber Rock“, 2016). Die sorgfältig aufgemalten Vögel, Blumen und Früchte geben eine barocke Optik her, bestechen aber auch durch eine fröhliche Leichtigkeit. Sommerlich und heiß geht es in dem Gemälde „Der schöne Schein #1“ (2019) des koreanischen Künstlers Songnyeo Lyoo (geboren 1983) zu. Dutzende nackte und Kopflose Menschen, deren Körper an braunen gebogenen Stangen fixiert sind, sind während der Zubereitung eines Getränkes in riesigen Gefäßen in eine Myriade von Tätigkeiten eingebunden, das anschließend in ausschweifenden Gelagen konsumiert wird. Eine Kombination aus Tusche, Pigmenten und Öl auf Hanji (koreanischem Maulbeerpapier) schafft einen ebenmäßigen visuellen Eindruck wie auf Seide gemalt in diesem Wimmelbild, das gekonnt mit Motiven aus dem asiatischen Bildrepertoire spielt. Ein ambigues Gefühl von der Flüchtigkeit des Sommers vermittelt die Ölmalerei einer aufgebrochenen Wassermelone, deren Inhalt sich auf einer weißen Tischdecke verteilt, des niederländischen Künstlers Bart Koning (geboren 1957). Lebensfreude und Vergänglichkeit vereinen sich zugleich in diesem schlichten Stillleben, dass dennoch mit einer für die Sommerzeit emblematischen Frucht eine Menge von Assoziationen wachruft.

Mimi Lenz, GELBER ROCK (2016), Öl auf Leinwand
Photo: Marina Sammeck

Dieses mit dem Sommer als Jahreszeit verbundene Empfinden, wie rasch die Helligkeit auch wieder durch Dunkelheit abgelöst werden kann, fängt auch die polnische Künstlerin Janina Brauer (geboren 1980) in ihrem Gemälde „Ukiel“ (2019) ein. Das Bild zeigt in einer reduzierten Palette von Grautönen und Schwarz die Oberfläche eines Sees, in der sich die dunklen Tannen des Ufers spiegeln. Nur eine einzige auf einem Steg sitzende Frauengestalt im Badeanzug bricht die Stille. Ambigue Gefühle und das Verlangen nach Stetigkeit, was der Sommer nie einlösen kann, werden auch durch die dreiteilige Zeichnungsserie „I AM YOURS/MINE/SOMEBODY’S“ (2018) der Künstlerin Lisa Klinger transportiert (geboren 1988). Die in unzähligen Bleistiftstrichen plastisch gezeichneten amorphen Körper könnten einen Zahn, Muscheln oder Steine darstellen, entziehen sich jedoch jeglicher Gegenständlichkeit. Der vage Eindruck, „etwas“ entdeckt zu haben, bleibt dennoch. Die aus fließenden Farbbahnen, Stoffen, Folien und Glitzermaterial zusammengesetzten, sich weit ausstreckenden Wandcollagen der diesjährigen Förderpreisträgerin Liza Dieckwisch (geboren 1989) wiederum sprengen den Rahmen der Malerei und wecken mit einem integrierten Print einer Spaghetti-Nudeln haltenden Hand Begehrlichkeiten („When cake glaze shines perfectly“, 2020). Das Wort Lebensmittelfarbstoff ist ein Codewort für ihre Werke: natürliche und künstliche Prozesse des Austausches, des Exzessen und der Einverleibung werden gleichermaßen angesprochen. Liza Dieckwischs Arbeiten reihen sich damit ein in die vielen Momente innerhalb der Positionen, die von erfüllten und unerfüllten Sehnsüchten sprechen.

Die Ausstellungsfläche in der unteren Etage ist der Fotografie gewidmet. Gegenüber den hellen und hohen Räumen in der 1. Etage ist die Decke hier etwas niedriger und das Licht gedämpfter. Grau gestrichene Wände schaffen eine insgesamt konzentriertere Atmosphäre. Zuerst fällt mir eine dreiteilige Serie von vollständig in dunkele Stoffen verhüllten Frauen von Corina Gertz auf. Wobei es keine Anhaltspunkte gibt, ob sich in „IT02“, „IT09“ und „IT10“ (2019) überhaupt eine Person hinter den fast in den schwarzen Hintergrund übergehenden Gestalten verbirgt. Die Verhüllungen lassen an einen religiösen Hintergrund denken, aber auch das geben die in ihrer Rätselhaftigkeit einnehmenden Bilder nicht her. Das reizvoll-unheimliche Vage verbindet diese Serie mit meinem Leitgedanken dieses Rundganges von Sehnsucht und Flüchtigkeit. Morgaine Schäfers (geboren 1989) Werke sind als Aufnahmen von Diaspiegelungen poetische wie filigrane fotografische Dopplungen. Inszeniert auf liniertem, leicht vergilbtem oder weiß verstärktem Papier, halten Finger eine Diaplatte, so dass sich mittels durchscheinenden Lichts eine Projektion des Motivs, eine Frau auf der Straße mit Regenschirm, ergibt („BWS 3822 (Rainfall in Munich“), 2018). Gefühle von Verlangen, Nostalgie und Vergänglichkeit spiegeln sich auch in den Bildern, C-Prints auf Alu Dibond hinter mattem Acryl, von Angela Brandt (geboren 1967). Die Künstlerin hat in der hier zu sehenden Serie die Licht- und Schattenspiele mit der Kamera eingefangen, die sich auf natürliche Weise in verlassenen Häusern ergeben. Anhand einer scharfkantig über eine marode tapezierte Raumecke sich erstreckenden Schattenformation weisen die wie gezeichnet wirkenden Bilder gleichzeitig auf menschliche Ab- und Anwesenheit hin.

Sebastian Riemers (geboren 1982) bläulich schimmernde Fotografien der Serie „GRLS BBYLON“ (2018) zeigen stark vergrößerte Aufnahmen von sich bereits im Zersetzungsprozess befindenden, stark vom Licht angegriffenen Modelbildern, die der sich als Forscher verstehende Künstler in Tel Aviv gefunden hat. Der einzig noch vorhandene Farbton in diesen verschwindenden Bildern ist ein immer blasser werdendes Blau, die noch vorhandenen Elemente der ursprünglichen Abbildung trennen sich in Flocken vom Trägerpapier ab. Nur durch Riemers Aufnahme scheint der Prozess der Auflösung für einen Moment angehalten. Die Bilder erinnern an das Verblassen schöner Erinnerungen und die Illusion ewiger Jugend, Dinge, die jeder irgendwie im Herzen trägt. Mit Sehnsüchten und Unerreichbarkeit spielt auch die Digitalfotografie-Serie „Das Hermann-Gitter“ (2018) der Künstlerin Stefanie Minzenmay (geboren 1970). Hinter einem die gesamte Bildfläche verdeckendem, engmaschigem weißem Gitter scheinen Räume oder Gegenstände verborgen zu sein, doch außer dunkele Schattierungen lässt sich nichts erkennen. Wie überhaupt diese visuell gleichzeitig einladenden wie verwirrenden Bilder entstanden sind, bleibt ein Rätsel. Vielleicht eine optische Täuschung, wie diejenige des „Hermann-Gitters“, die entsteht, wenn in einem Gittermuster die Kreuzungspunkte eine scheinbare Aufhellung bzw. Verdunklung erfahren, die verschwindet, wenn man die Kreuzungspunkte fixiert.

An Strand und Himmel denken lässt die im Eingangsbereich des rechten Teils des NRW-Forums zu sehende geometrisch-abstrakte, großflächige Ölmalerei „Sarmizegetusa N 34“ der moldawischen Künstlerin Irina Ojovan (geboren 1988). Mit einem nur in schmalen Teilen zu sehenden hellblauen Bildgrund und einer fast das ganze Bild einnehmenden abgerundeten Fläche in Beigerosa, scheint sich ein Sommertag hier zu einer zweidimensionalen Skulptur aufgerichtet zu haben. Zwischen Sand und Wüste, imaginären und realen Landschaften befindet sich auch das großformatige Bild „phase-7“ des japanischen Künstlers Hiroki Tanaka (geboren 1979). Unzählige mit Grafit gezeichnete Linien und Umrandungen tummeln sich auf der beigen getünchten Leinwand und bilden eine Art Landkarte. Angefertigt wie eine topografische Studie, weisen die Inseln und Bereiche jedoch auf nichts Konkretes hin. Das ganze Bild ist ein einziges, wie aus den Wolken heraus betrachtetes Nirgendwo, in dem das Auge dennoch nach Anhaltspunkten sucht. Den stimmungsvollen Abschluss meines von der Sommersehnsucht inspirierten Rundganges bilden die Sternbilder des 2019 verstorbenen Künstlers Victor Bonato (geboren 1934). Die Besonderheit dieser fragilen Werke ist, dass runde Ausbohrungen und feine eingefräste Linien auf einer in einem Holzrahmen eingefassten Glasplatte feine Schatten auf der dahinter liegenden beleuchteten Wand erzeugen, die an Sternbilder erinnern. Flüchtig, aber doch einprägsam.

Die von mir für den Rundgang durch DIE GROSSE 20/21 gewählte Perspektive ist sicher nur eine von vielen, mit denen man die Ausstellung begehen kann. Und es gibt neben dem hier gewähltem Schwerpunkt Malerei und Fotografie noch viel mehr zu entdecken, zum Beispiel innerhalb des Bereiches Skulptur, der in diesem Jahr bis in den Park des Ehrenhofs erweitert ist und durch große Vielfalt besticht. Was mich während des Besuches dieses Mal jedoch so beeindruckt hat, waren weder einzelne Positionen oder spezielle Künstler:innen, noch gesonderte Techniken oder Stile. Was mich wirklich bewegt hat, ist, dass es dem Organisationsteam in der Auswahl und räumlichen Komposition der Werke – höchst wahrscheinlich völlig unbewusst – gelungen ist, ein mich und vielleicht noch viele Andere innerliches bewegendes Gefühl anzusprechen. Der Eintritt des lange, wohlmöglich noch nie so lange ersehnten Sommers, der dennoch Versprechen mitbringt, die nicht ewig anhalten können.

Lisa Klinger, I AM YOURS/MINE/SOMEBODY’S, 3-teilig, Bleistift auf Papier
Photo: Marina Sammeck

Unter Besprechung findet ihr Ausstellungsrezensionen aller Art – sei es die Blockbuster-Ausstellung in der großen Institution, oder die im kleinen Offspace, der junge Positionen zeigen und fördern möchte. Lokale und umliegende Ausstellungen in Düsseldorf und im Rheinland werden hier gesammelt und machen Lust auf einen Besuch der hier besprochenen Shows.

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit unserer Verwendung von Cookies einverstanden.

Wir verwenden Cookies, um Ihnen ein tolles Erlebnis zu bieten und unsere Website wirksam zu betreiben. Mehr Information zum Thema Cookies und Datenschutz findest du hier!

 

 

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit unserer Verwendung von Cookies einverstanden.

Wir verwenden Cookies, um Ihnen ein tolles Erlebnis zu bieten und unsere Website wirksam zu betreiben. Mehr Information zum Thema Cookies und Datenschutz findest du hier!

 

 

Ihre Cookie Einstellungen wurden gespeichert.