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Ausstellungen

OBERFLÄCHENSPANNUNG

Janine Böckelmann, Domingo Chaves, Sibylle Czichon, Cécile Lempert, Janis Löhrer

Ein ehemaliges Geschäft für Sicherheitstechnik auf der Birkenstraße in Düsseldorf Flingern erfährt gerade eine Renaissance. Weiße, hohe Wände und ein hell beleuchteter, sich weit erstreckender offener Raum sind an die Stelle der vormaligen dunklen und niedrigen Ladenfläche getreten. Fünf Absolvent:innen der Kunstakademie Düsseldorf, Janine Böckelmann, Domingo Chaves, Sibylle Czichon, Cécile Lempert und Janis Löhrer haben diese beeindruckende Transformation geleistet. Der Name des Projektes ist AU R A und als Off-Space für Künstler:innen der Akademie gedacht. Dass die mit Sorgfalt hergerichteten Räumlichkeiten, die man durch ein großes Vitrinenfenster von der Straße her einsehen kann, nun für junge Kunst reserviert sind, beglückt. Anlässlich des DC Open eröffnete nach längerer Renovierungszeit nun die erste Ausstellung „Oberflächenspannung“ mit Werken der Organisator:innen des Off-Space aus den Bereichen Malerei, Zeichnung, Installation und Skulptur. Mit dieser initiierenden Präsentation lernt man nicht nur die Künstler:innen hinter AU R A kennen. Die Platzierung und Ausführung der Arbeiten ist, wie ich im Gespräch erfahre, gleichzeitig eine erste Reaktion auf den neu entstandenen Raum und seine Begebenheiten, welche die Künstler:innen mit ihren Werken ertasten. Auch daher passt der Titel „Oberflächenspannung“ sehr gut.

Die Stimmigkeit der Hängung und der feinfühlige Dialog der Arbeiten untereinander prägen den ersten Eindruck. Und dies hat auch einen Grund, denn die Künstler:innen kennen sich bereits aus ihrer Zeit an der Akademie, sind miteinander befreundet und haben einen Blick für die Herangehensweise der Anderen entwickelt. Das Teilen bestimmter künstlerischer Grundsätze hat sie unabhängig von den individuellen Unterschiedlichkeiten zusammengebracht. Aus dem sich so entwickelndem Wunsch, gemeinsam auszustellen, ist AU R A entstanden. Als würde man doch die wilde Zeit der Renovierung ein wenig vermissen, bricht Sibylle Czichons an der linken Wand direkt vom Eingang aus zu sehende malerische Wandarbeit direkt wieder mit dem reinen Weiß und den klaren Strukturen des Raumes. Stattdessen breiten sich orange, türkise und blaugraue Farbabdrücke auf der Wand aus, vermutlich mit einem Trägermaterial aufgebracht. Zusammengehalten werden diese fröhlichen wie diffusen, bis in die Mauernische der Vitrine reichenden Farbwolken durch einen Schnur-artigen dunkelgrünen, im virtuosen Gestus ausgeführten Strich, der scheinbar versucht die Kontrolle über die Farbausbrüche zu bewahren. Sibylle hat im Parkhaus der Kunsthalle ihr erstes Wandbemalungsprojekt gestartet. Diese das Licht der Umgebung aufnehmende und von der Straße einsehbare Fläche in ihrem neuem Ausstellungsraum hat sie direkt gereizt, wieder tätig zu werden. In sensibler Abstimmung auf die Farbauswahl der umgebenden Werke ist eine sehr einlandende Arbeit entstanden, die der Umgebung direkt eine sympathische Atmosphäre verleiht.

Sympathisch ist auch irgendwie ein Stichwort, das zur an der gegenüberliegenden Wand angebrachten großflächigen Zeichnung von Janis Löhrer passt. Mit Tusche gezeichnet, versammeln sich auf der Leiwand eine unbändige Ansammlung von Personen, Gegenständen, Tieren, Kleidungsstücken und sonstigen Dingen, die sich teils überlagen und innerhalb eines undefinierten Raums zu schweben scheinen. Persönliche Anekdoten und Symbolhaftes scheinen sich in seinen beiden Arbeiten „Pause“ und „grünes Konstrukt“, von denen eine weitere im hinteren Teil des Off-Spaces zu sehen ist, zu vermischen. So als hätte der Künstler spontan den Inhalt seines Bewusstseins niedergezeichnet, aber ohne erkennbare Ordnung, wie eine mehrmals überschriebene Seite eines Tagebuchs. Es ist diese Enge und Unidentifizierbarkeit, welche die Bilder mit ihren Zeichnungen von in Seltsames verwickelte Gestalten, fliegenden Schiffen und toten Fischen, so reizvoll machen. Wie ich erfahre, geht es Janis darum, beim Zeichnen wirklich im Bild zu sein, eine Haltung, die man als Betrachter:in spürt.

Weiter im Ausstellungsraum begegnet man einer sich scheinbar zwischen den Bereichen der Malerei und der Skulptur befinden Installation von Janine Böckelmann. Sieben luftige und in unterschiedliche Farben getönte, in der Form an Schürzen erinnernde stoffartige Bahnen hängen nebeneinander an der Wand. Bei dem Material handelt es sich um mit einer klebenden Oberfläche versehenen Gewebe, das üblicherweise zum Schutz auf Baustellen ausgelegt werden. Die Künstlerin hat die Bahnen mit Pigmenten und Gouache bearbeitet, wodurch eine pastöse Farbigkeit entsteht, deren Verlauf die Beschaffenheit des Materials selbst vorgibt. Außerdem hat die Klebfläche Papier und Stoffreste aus ihrem Atelier aufgenommen, die jeweils ein zufälliges Relief auf den Schürzen oder, angelehnt an ihre Funktion, „Schützen“, wie der Titel der Arbeit heißt, ergeben. Janine findet die Mehrdeutigkeit, die sich aus der Arbeit mit diesem Stoff ergeben, spannend. Denn an Fäden an der Wand installiert, entwickeln sich aus denen als Leinwände genutzten Bahnen auf einmal Skulpturen. Durch die an Schürzen erinnernde Optik bringen diese alle möglichen Assoziationen von Häuslichkeit, heile Welt und Kindheit mit, lassen aber auch kritische Aspekte wie starre Rollenmuster und Ungleichheit anklingen.

Eine nicht ganz zweifelsfreie Harmonie bringt auch die großflächige Malerei eines seltsam unnahbaren Gesichtes von Cécile Lempert mit. In leichter Profilansicht abgebildet, schauen zwei große blaue Augen in die Leere, der Mund ist entspannt geschlossen, aber ausdruckslos . Irritierenderweise verrät das Antlitz von „Lena“ so der Titel der Arbeit, weder positive noch negative Gefühle. So etwas wie ein vollkommen neutraler Ausdruck ist aber nicht menschlich. Und an diesem Punkt setzt die Arbeit an, denn das Porträt ist aus dem Vorbild einer CGI Grafik (Computer generated imaginery) heraus entstanden, einer am Computer entstandenen, künstlichen Figur. Ausgehend von der klassischen Porträtmalerei hat Cécile eine eigene künstlerische Herangehensweise entwickelt, indem sie die Idee des Modells, wie üblicherweise in dieser Disziplin verwendet, modifiziert. Cécile transformiert, übersetzt oder produziert selbst „Modelle“ in inter-medialen Prozessen bevor sie diese malt. Auf diese Weise ist auch „Lena“ entstanden, welches den Beginn einer neuen Serie markiert. In dieser überführt Cécile über die Technik des Porträtieren nur auf dem Bildschirm existierenden CGI-Charakteren wieder in ein Medium, das ihnen „menschliche“ Züge verleiht, auch wenn diese hauptsächlich durch unsere mit der Malerei verbundenen Sehgewohnheiten entstehen.

Ein an die große Ausstellungsfläche anknüpfender, kleinerer hinterer Raum schaffte eine intime Atmosphäre für zwei Arbeiten von JanisLöhrer und Domingo Chaves, die tatsächlich ein genaueres Betrachten erfordern. Vielleicht nicht ganz so klar vorhergesehen, wie ich es wahrnehme, scheint das Thema dieses Zimmers die Farbe Grün und die Natur zu sein. Denn diese Elemente schleichen sich eindrucksvoll in den Raum durch das geöffnete, zum wild mit Vegetation überwucherten Bahndamm hinausgehende Fenster ein. Farblich kehren diese Themen wieder in der in Pflanzentönen gehaltenen Wandinstallation aus gepressten Feigenblättern von Domingo und dem in grüner Tinte gezeichneten Bild von Janis. Domingo exploriert in seinen Werken das Potential von Blättern als Material in der Kunst. In aufwendigen Verfahren konserviert, setzt er diese zu teils ganze Räume einnehmenden Arbeiten zusammen. Durch seine organische Struktur steht ein gepresstes Blatt bereits für sich, kann aber auch als Trägermaterial oder Element größerer Gebilde dienen. Das Relief in der Ausstellung („Teppich (Fränzi“), welches sich aus einzelnen, sehr sparsam bemalten gepressten Blättern unterschiedlicher Brauntöne sowie Blättern aus Plexiglas ergibt, hat unweigerlich eine schamanistische, mythische Anmutung. Dies sind zumindest die Bereiche, aus denen man so sorgsam präparierte und präsentierte Naturmaterialien kennt. Diese etwas dilettantische Interpretation scheint der Künstler dennoch humorvoll in Teilen zu bedienen mit einer am unterem Rand des „Teppichs“ aufgezeichneten „mythischen“ Bordüre aus Kühen, Blumen und schelmischen Katzenköpfen mit Tirolerhütchen. Organisiert entlang eines Bandes mit Rautenmuster, entstammen die Motive jedoch aus persönlichen gesammelten Momenten des in der Schweiz aufgewachsenen Künstlers. Domingos Werk bringt damit für die Betrachter:innen eine sehr enge Auseinandersetzung mit dem vorgefundenen Material Blatt mit, bleibt durch narrativ wirkende, aber gänzlich frei konnotierbare Elemente in seiner Bedeutung jedoch offen.

Die Künstler:innen von „Oberflächenspannung“ und gleichzeitigem Team hinter AU R A gelingt es mit der Komposition der Ausstellung sowohl alle Aspekte der einzelnen Positionen als auch die Facetten des Raumes klangvoll herüberzubringen. Dass dies mit einer so reduzierten Werksauswahl gelingt, die den Raum trotzt seiner großzügigen Dimension nicht überlädt sondern als Fläche mit seiner ganz bestimmten Atmosphäre hervorbringt, die auch irgendwie mit der Birkenstraße und ihrer immer noch bestehenden Ladenkultur verbunden ist, sehe ich als wirkliche Leistung an. Diese gestalterische und inhaltliche Kongruenz, mit der das Team von Janine, Domingo, Sibylle, Cécile und Janis hier zusammengearbeitet hat, lässt auf jeden Fall mit Spannung die nächsten Projekte mit Absolvent:innen der Kunstakademie erwarten. Denn diese stehen, wie mir erklärt wird, schon alle fest. AU R A, ein Name, der bereits Programm ist.

Unter Besprechung findet ihr Ausstellungsrezensionen aller Art – sei es die Blockbuster-Ausstellung in der großen Institution, oder die im kleinen Offspace, der junge Positionen zeigen und fördern möchte. Lokale und umliegende Ausstellungen in Düsseldorf und im Rheinland werden hier gesammelt und machen Lust auf einen Besuch der hier besprochenen Shows.

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